Seit drei Jahren spielte Konstantin nun schon Klavier. Anfangs mochte er die Stunden nicht so. Da sein Onkel sein Klavierlehrer war, wollte er seinen Eltern und ihm jedoch eine Freude machen. Mittlerweile machte es ihm schon viel mehr Spaß. Übung macht den Meister, sagt Onkel Franz immer.

An Weihnachten durfte er, wie auch schon letztes Jahr, der gesamten Familie sein Lieblingsstück vorspielen. Alle waren begeistert und hatten am Ende für ihn applaudiert. Jetzt war das neue Jahr bereits fünf Tage alt und Konstantin hatte noch Ferien.

Tante Lisbeth war zu Besuch und Mama hatte Käsekuchen gebacken.
„Nun ja, ein kleines Stück werde ich wohl probieren müssen“, hörte er seine Tante kläglich seufzen. „Aber mein Vorsatz geht heute flöten!“
Konstantin sah, wie sich seine Tante bei diesen Worten auf den Bauch schlug.

„Tantchen, was machst du da?“, fragte er stutzig. „Der Käsekuchen von Mama ist richtig lecker!“
„Hach Konstantin, du bist noch jung! Das verstehst du nicht.“
Sie lachte laut und fuhr sich mit einer Hand durch ihre braunen Locken. „Der Speck muss weg. Ich muss mir etwas vornehmen und verändern. Kann nicht laufen wie immer, weißt du? Neues Jahr, neues Glück“, zwinkerte ihm Tante Lisbeth zu und knuffte ihn die Seite.

Merkwürdig, dachte sich Konstantin. Er verstand nicht, weshalb sich die Erwachsenen seit Neujahr so merkwürdig verhielten. Papa hatte an Silvester geschworen, im neuen Jahr kein Bier mehr anzurühren. Seitdem sank seine Laune von Tag zu Tag immer weiter in den Keller. Mama hatte bereits am Tag darauf angefangen, das Haus auf den Kopf zu stellen. Als Konstantin sie fragte, weshalb sie so hektisch die Regale wischte und die Fenster putzte, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt.
„Neujahrsputz. Alle machen das.“, war die Antwort, die er bekam.

Während sie Kuchen aßen, erzählte er seiner Tante, wie Heiligabend verlaufen war. Sie hatten sich lange nicht gesehen. Über die Weihnachtsferien besuchte Tante Lisbeth immer ihren Freund im Ausland.
„Schon wieder das gleiche Stück auf dem Klavier?“, fragte sie schließlich verwundert und hob ihre Augenbrauen.
„Er spielt es hervorragend, Lisbeth. Man kann es nicht oft genug hören. Wirklich!“ Seine Mutter fühlte sich verpflichtet, ihn und sein liebstes Musikstück zu verteidigen. Sie wusste, wie sehr Konstantin es mochte.
„Ja, das glaub ich doch.“ Tantchen streckte dabei ihren Finger in die Höhe. „Doch nun hätt ich gern ein neues Stück.“

Konstantin verstand die Welt nicht mehr. Was war denn so verkehrt an seinem Lieblingsstück? Er hatte monatelang geprobt und seinem Onkel gefiel es immer besser. Schließlich macht Übung den Meister. Seine Mutter hatte die Kuchengabel bereits zur Hand, deutete auf den Kuchen und blickte ihre Schwester fragend an. Tante Lisbeth nickte.

Konstantin vergrub sich ein wenig später in seinem Zimmer und dachte über die Worte seiner Tante nach. So ganz wurde er nicht schlau daraus. Er fand es nicht schlimm, wenn einiges beim Alten blieb. Alle verhielten sich anders und spielten verrückt, nur weil man einen neuen Kalender begonnen hatte. Was war denn so anders für alle?

Dann kam ihm eine Idee. Tante Lisbeth würde er in zwei Wochen wiedersehen. Das hatte sie vorhin erzählt. Mal sehen, ob er sie beim nächsten Mal von seiner Idee überzeugen konnte.

Wie angekündigt saß Tante Lisbeth vierzehn Tage später wieder am Esstisch.
„Konstantin, schön dich zu sehen!“ Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.
„Heute habe ich etwas für dich“, sagte Konstantin stolz.
„Für mich?“, fragte Tante Lisbeth ganz erstaunt und legte eine Hand an ihre Brust.

„Womit habe ich denn das verdient?“
„Na wegen letztens“ Seine Antwort machte sie nur noch stutziger. „Weißt du nicht mehr, diese Neujahrssache?“
„Ach, wegen meinem Vorsatz meinst du?“ Tante Lisbeth schaute ganz schuldbewusst zu Boden. „Weißt du, ich habe nicht lange ohne Kuchen ausgehalten.“ Sie musste laut lachen.
Konstantin schüttelte verwirrt den Kopf, weil er nicht den Kuchen gemeint hatte. Doch sie würden schon selbst hören.

Mama und Tante Lisbeth hatten den Tisch abgeräumt und sich zurückgelehnt. Konstantin holte seine Noten, dehnte seine Finger kurz und setzte sich dann ans Klavier.
„Darf ich vorstellen“, räusperte er sich kurz. Dann nahm er einen tiefen Atemzug. „Der Titel lautet: Neues Jahr, neues Stück.“ Er spielte das Lied genauso wie er es immer spielte. Während des Stücks konzentrierte er sich voll und ganz auf die Noten, so dass er die Blicke der beiden nicht sehen konnte. Als er zu Ende gespielt hatte, drehte er sich zu ihnen.

Sie sahen sehr zufrieden aus. „Das ist doch dein Stück von Weihnachten vorletztes Jahr?“, fragte ihn Tante Lisbeth entzückt
„Ja, und von letztem Jahr.“, meinte Konstantin stolz. „Dieses Jahr werde ich es auch wieder spielen.“
„Doch diesmal war irgendetwas anders, oder? Ich meine, eine Veränderung gehört zu haben.“
„Ja“, nickte er geheimnisvoll. „Eine kleine Sache war anders. Der Titel. Du hast mir dabei geholfen.“ Sein Grinsen steckte die anderen beiden an.
„Neues Jahr, neues Stück“ hattest du doch gesagt und ein neues Stück von mir gewollt. Ich möchte aber kein anderes spielen. Ich behalte dieses hier, hab es nur umbenannt. Für Neujahr und so.“, sagte Konstantin und zuckte mit den Schultern.

„Aber Schatz, das meinte Tante Lisbeth doch gar nicht so.“ Seine Mutter blickte ihre Schwester fragend an. „Erklär es ihm bitte. Du hast ihn ja völlig verwirrt.“
„Nein, der Junge hat vollkommen Recht. So meinte ich es. Im neuen Jahr nimmt man sich etwas vor. Eine Veränderung“, erklärte ihnen Lisbeth. „Das hatte ich von Konstantin gewollt.“
Jetzt schauten sie beide Tante Lisbeth ganz verwirrt an.

„Doch du hast alles richtig gemacht, mein Junge.“, sagte seine Tante schließlich und schlang stolz einen Arm um seine Schulter. „Es stimmt nicht immer alles, was andere sagen. Auch auf mich solltest du nicht immer hören. Man muss sich nicht für andere verändern, wenn man es selbst gar nicht möchte.“
Sie klopfte sich erneut auf ihren Bauch, so wie sie es vor zwei Wochen schon einmal getan hatte. „Ich mag mich so wie ich bin. Und jetzt gebt mir bitte noch ein Stück Kuchen ihr Lieben und spiel noch einmal dein Lied, mein Junge.“

Fünf Minuten später erklang die Melodie von „Neues Jahr, neues Stück“. Diesmal klang es genauso, doch es war dennoch ein klein wenig anders als sonst.

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