Prolog

Eine Himbeere zu sein war prima. Alles, was Malina sich je gewünscht hatte, war: Gegessen zu werden. Wie für alle ihre Himbeer-Familienmitglieder war das auch ihre Bestimmung. Das wusste Malina. Ihre Familie redete schon den ganzen Tag davon und sie alle konnten es nicht abwarten. Es musste ein großes Ereignis sein, auf das sie da gemeinsam zusteuerten. So wirklich vorstellen konnte es sich aber noch keiner von ihnen. Es dauerte sicherlich nicht mehr lange. Und sie wussten: Bald kam er, der große Tag!

Die Reise nach Frankreich

Malina war in Polen geboren. Als eine von ganz kleinen Himbeeren. Trotz ihrer kleinen Größe, war Malina keineswegs auf den Himbeer-Mund gefallen. Im Gegenteil, Malina war sehr frech und liebte es, Unsinn zu machen. So zog sie manchmal am Himbeer-Ohr ihrer Schwester, einfach nur um sie zu ärgern. Ihre Schwester konnte sich wunderbar aufregen. Das amüsierte Malina. Im Gegenzug dazu stupste ihre Schwester sie oft genervt in die Seite. Malina empfand das als spielerisches Necken. Auf ihre Himbeer-Eltern gehorchte sie selten, da sie Malina meistens Dinge verboten, die doch so viel Spaß machten. So durfte Malina nicht hüpfen, sich nicht zu häufig in ihrer Box drehen und sollte im Allgemeinen eher still sitzen. Malina nervte das einfach nur. Und so hielt sie sich nicht immer daran und sprang manchmal so hoch wie sie nur konnte, um zu sehen, was außerhalb der Box so los war. So sah sie die vielen Menschen, die um die Box wanderten. Interessant, so ein Menschenleben. Sie trieben umher und Malina lauschte ihren Gesprächen, denn neugierig war sie übrigens auch.

Ihrer Neugierde konnte Malina nicht allzu lange nachgehen, denn nach einigen Stunden des Transports ihrer Box, landete sie, in einer gesonderten Himbeer-Schale, gemeinsam mit ihren Familienangehörigen bei Familie Bernard in Paris. Dort angekommen beginnt die Geschichte von Malina, die dank ihrer frechen und neugierigen Ader so ganz anders ablief, als sie es sich zunächst vorgestellt hatte. Ihr seid gespannt? Das dürft ihr sein, am besten ihr schaut selbst:

Familie Bernard

„Jacques, hast du an die Himbeeren gedacht, mon chérie? Zum Nachtisch gibt es dann tarte, dacht ich mir.“ Malina lauschte dem Gespräch von Mama Bernard. Uuuh, Malina war aufgeregt. Gleich ging es los, dachte sie sich. Sie schaute zu ihrer Himbeer-Familie, blickte nach rechts und links und als hätten sie ihre Gedanken gehört, nickten sie ihr zustimmend zu. „Sicher, ma chérie. Ich habe an alles gedacht. Ich stelle sie dir hier hin.“, antwortete Monsieur Bernard. Malina wollte diesen Teil ihres Daseins dafür nutzen, um sich kurz umzuschauen. Bevor es ins Himbeer-Paradies ging, wollte sie wissen, wie die Familie Bernard so lebte. Aus ihrem Platz in der Schale erkannte sie einen Hochstuhl am Esstisch der Bernards. Hochstühle waren für Babys, das wusste Malina. Nur konnte sie zunächst kein Baby sehen. Wo war es nur? Ob es wohl ein Mädchen war, fragte sich Malina. Ihre Neugierde hatte neues Futter. Malina ordnete die Umgebung als die Küche der Bernards ein. Hier wurde scheinbar oft und gerne gekocht, zumindest sah es danach aus. Das erkannte man an der Einrichtung, sie lud förmlich zum Essen ein. Woher sie das wusste, konnte Malina nicht genau sagen. Sie wusste es einfach. Himbeeren hatten solch ein kurzes Leben, das jedoch sehr lebenswert war. Immerhin waren sie doch zum Essen gemacht. Das Wissen der Himbeeren über die Menschen und ihre Gepflogenheiten wurde von Urhimbeere zur Urhimbeere weitergegeben. Ja, es gab sogar eine Himbeer-Zyklopedia, die ihnen während ihrer Reifung nahegelegt wurde. Daher verstand Malina die Menschen sehr gut und konnte die Lebenssituation der Bernards bestens einschätzen.

„Hey Malina, hast du gehört? Wir werden zur tarte verarbeitet!“, hörte sie ihre Cousine zu ihr sagen. „Ein besseres Schicksal kann es doch für uns nicht geben, oder? Wir werden den Bernards ein leckerer Schmaus sein. Ich gebe mir besonders viel Mühe dafür!“, frohlockte sie und konnte es wohl kaum abwarten. Malina ließ sich so sehr anstecken von ihrer Vorfreude, dass ihr Himbeer-Herz kleine Freudensprünge machte. Um ihre Nervosität etwas zu zügeln, schaute sie sich weiter in der Küche um. Sie erhaschte den Blick von Madame Bernard, wie sie die Schale, die ihr Mann ordentlich auf dem Küchentresen platziert hatte, anvisierte. Es war, als würde sie Malina direkt in die Augen blicken. Faszinierend! Nun legte sich Madame Bernard ihre Küchenschürze um und sprach zu ihrem Mann: „Jacques, sei so lieb und schließe bitte die Küchentür. Ich fange gleich mit dem Pürieren an. Wir wollen ja nicht, dass Charlie gleich geweckt wird von dem Lärm“. Charlie?, fragte sich Malina. Das musste wohl das Kind sein, für das der Hochstuhl bereitstand. „Natürlich, Marie. Das mache ich. Und während du den Nachtisch vorbereitest, gehe ich noch schnell eine Runde mit Bijou um den Block.“, hörte sie Jacques Bernard antworten. Wer ist Bijou? Ein Schmuckstück? Ob die Menschen wohl mit Schmuckstücken spazieren gingen? Malina musste das herausfinden! Sie hüpfte von einem Himbeer-Füßchen aufs nächste und stand wieder mal nicht still. „Malina, hüpf doch nicht so herum. Es ist gleich so weit“, rief ihre andere Schwester aus der zweiten Reihe zu ihr vor. Malina hatte übrigens hunderte von Geschwistern, sie waren eine sehr große Himbeer-Familie. „Malina, benimm dich jetzt“, rief nun ihr Bruder dreimal rechts von ihr herüber. Sie sah, wie er sich besonders rund machte, wohl damit er besser greifbar war. Ihr habt doch alle keine Ahnung“, trällerte Malina vor sich hin, „ich weiß etwas, was ihr nicht wisst. Ich weiß etwas, was ihr nicht seht. Ich muss nicht still sitzen wie ihr und werde auch gleich gegessen. Ätsch!“ Malina wollte und konnte nicht ruhig auf ihrem Platz bleiben. Sie musste doch jetzt herausfinden, was dieses Bijou war. Das war doch viel zu spannend! Und überhaupt, wie war die Familie Bernard wohl so? Das interessierte sie ebenfalls. Schade, dass ihr Leben so kurz war. Sie wollte ja gegessen werden! Ebenso wollte Malina aber herausfinden, wer oder was Bijou war und ob die Bernards nun ein Babymädchen oder einen Babyjungen hatten. Schließlich konnte der Name Charlie für beide Geschlechter stehen. „Malina, hast du denn keinen Respekt vor den Größeren“, wurde sie nun von ihrem Nachbar-Cousin gefragt. „Hast DU denn keinen Respekt vor den Größeren“, fragte sie neckisch zurück, obwohl sie ja wusste, wie klein sie war. Malina erfreute sich an der Gegenfrage und lachte ihn verschmitzt an.

Madame Bernards Schritte kamen nun näher. Uuuuh, ob noch genug Zeit blieb, bis Monsieur Bernard zurückkehrte und sich das Rätsel um Bijou lüftete? Malina konnte es nicht abwarten, ging etwas in ihre Himbeer-Knie, holte etwas Schwung aus ihnen und hüpfte nun ein wenig höher. Die Schale war immer im Weg und in ihrem Blickfeld, so konnte sie doch nichts sehen! Was Malina nicht wusste: Madame Bernard hatte ihre Hand bereits um die Schale gelegt, sie hoch gehoben, um sie zum Pürieren in ihre Schüssel umzukippen. Im selben Moment passierte Folgendes: Malinas Familie machte sich bereit und stand still, bereit fürs Himbeer-Paradies. Alle – mit Ausnahme von Malina – purzelten in diesem Moment in die Schüssel hinein. Und Malina? Sie kullerte unsanft, ohne es ahnen zu können, seitlich an der Schale vorbei und herunter. In ihrem Sturzflug erkannte sie die Küchentheke, dann Tischbeine, einen Pflanztopf und dann kalten, ebenen Boden und über ihr eine dunkle Tischplatte. Dort lag sie nun, eine einsame Himbeere, die ihr Lebensziel verfehlt hatte. Malina war durch ein Missgeschick unter den Tisch gekullert und sie hörte die Freudenschreie ihrer Familienmitglieder, die nun gleich püriert werden sollten. Nur sie hatte es – einsam und allein – lediglich auf den Küchenboden geschafft. Und dort lag sie nun, bei den Bernards, in Paris. Eine Himbeere, die wohl nie erfahren sollte, wie es war, zu tarte verarbeitet zu werden.

Himbeeren – Einsamkeit

Tja, doof, dachte sich Malina. Und jetzt? Da lag sie nun. Alleine, ohne ihre Eltern und Geschwister. Sie hätte ja gerne gelacht, denn so sturmfrei war ja vielleicht gar nicht mal so schlecht. Aber irgendwie merkte Malina, dass eine Himbeere ja gar nicht dafür gemacht war, alleine zu leben. Wer kaufte sich denn bitte eine einzelne Himbeere? Es gab sie, wenn doch nur gemeinsam oder gar nicht. Aus einer Himbeere konnte ja auch keine ganze tarte gemacht werden. Zu lachen gab es also doch nichts. Vielleicht war es für die tarte ja noch nicht zu spät und so versuchte Malina mit all ihrer Kraft hoch zu rufen: „Hey, Madame Bernard! Ich bin hieeeer, hier unten. Ihnen ist da ein Missgeschick passiert. Heben Sie mich doch bitte kurz auf und pürieren Sie mich mit. Das wäre prima!“. Stille. Mist, Malina meinte sich zu erinnern, dass die Menschen ihre Frequenzen gar nicht wahrnehmen konnten. Mh, vielleicht war es ja aber auch Schicksal, dass es so gekommen ist? Was passierte denn bloß mit Himbeeren, die nicht gegessen wurden? Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, das durfte einfach nicht passieren! Plötzlich hörte sie wieder Schritte. Ach, Himbeer-Gott sei Dank! Madame Bernard war bestimmt aufgefallen, dass sie Malina vergessen hatte. Und gleich würde sie sich bücken, um sie aufzuheben. Sie konnte nur leise hören, wie jemand sprach: „Es war ganz schön kalt da draußen. Aber Bijou hat es trotzdem gefallen. Ich schaue mal eben nach Charlie. Stellst du den Nachtisch für morgen dann eigentlich kalt?“

Wie bitte, Nachtisch für morgen? Malina hatte nur Ohren dafür gehabt. Also bestand doch noch Chance? Ja, wurden denn jetzt ihre Familienmitglieder püriert oder nicht? Mist, aber auch. Von hier unten, unter dem Tisch, bekam sie ja gar nichts mehr mit! Und die Stimme war männlich, scheinbar war Monsieur Bernard von seinem Spaziergang zurückgekehrt. Bijou, Bijou, alles nur wegen Bijou! Konnte ihr jetzt bitte mal jemand sagen, wer oder was Bijou ist? Um sich abzulenken, schaute sich Malina unter dem Tisch um. Wenn sie schon hier lag, sollte sie sich mit ihrer Umgebung vertraut machen, dachte sie sich. Tja, Boden, etwas entfernt ein paar Tischbeine, das dahinter wohl Stuhlbeine. Und sonst? Der Pflanztopf, der neben dem Tisch stand mit etwas Grünem darin. Und sonst? Nichts. Einsamkeit. Langeweile. Das mochte Malina ja gar nicht. Hier war ja nichts los. Super, Malina! Du endest als kleine, süße Himbeere, die keiner essen will und die vor Langeweile hier liegen wird, bis sie vertrocknet. Nein, den Gedanken wischte sie wieder weg. Es musste eine Lösung geben!

Moment mal, Malina hörte nie auf andere und tat immer das, was sie nicht tun sollte! Sie tat das, was Himbeeren nicht tun sollten. Sie sprang. Das hatte doch erst zu ihrem Missgeschick verholfen. Vielleicht half es auch zurück! Also sprang Malina, was das Zeug hielt. Doch so klein wie sie war, bewirkte ihr Himbeeren-Sprung nicht im Geringsten, den Tisch hinaufzuklettern. Klettern? Laufen? Sie hatte doch ganz kleine Himbeer-Beinchen. Malina versuchte ihre Beine einzusetzen. Es passierte…nichts. Das verstand sie nicht ganz. Auf der Stelle springen konnte sie, aber laufen wohl nicht. Sie versuchte es erneut und da sie nun rechts und links neben sich Platz hatte – anders als in der Schale – gelang es Malina zum ersten Mal, kleine Himbeeren-Sprünge nach rechts und links zu machen. Für Malina war es eine Revolution, für ein Menschenauge jedoch so minimal, dass es kaum zu sehen war. Malina schöpfte neue Hoffnung. Hinaufspringen konnte sie damit nicht, das war ihr klar. Jedoch konnte sie sich nun minimal von rechts nach links „bewegen“, es war eher eine Art kullern. Dieses Kullern kostete Malina so viel Kraft, dass sie schnell aus der Puste war. Sie musste sich ausruhen. Wirklich weit war sie nicht gekommen und doch – gab es nun eine kleine Beschäftigung für Malina in dieser Himbeeren-Einsamkeit. Unter dem Küchentisch der Bernards.

Monsieur croûton

Malina war von der Entdeckung ihrer körperlichen Himbeer-Fähigkeiten so erschöpft gewesen, dass sie wohl eingeschlafen sein musste. Als sie aufwachte, war es ziemlich dunkel um sie herum. Aufgrund der Straßenlaterne vor dem Haus der Bernards, schien etwas Licht durch das Küchenfenster herein und Malina erkannte, wo sie war. In diesem Moment fiel ihr alles wieder ein. Sie hatte sich immerhin um einige Himbeer-Millimeter fortbewegt, sah jedoch über sich immer noch die Tischplatte. Scheinbar waren die Bernards bereits in ihren Betten. Stimmen hörte sie jedenfalls keine mehr und die Küche war menschenleer. So ein Mist, jetzt hatte Malina nichts mehr von ihren Gesprächen mitbekommen. Es konnte sich noch um Stunden handeln, bis die tarte verspeist wurde. Es bestand immer noch eine kleine Chance, dass Madame Bernard, die kleine, verloren gegangene Himbeere entdecken würde.

Malina hatte etwas Angst im Dunkeln. Ihre Schale war durchsichtig gewesen und durch die Box schien meist mehr Licht hindurch als jetzt, hier auf dem Küchenboden. So ganz im Dunkeln und dann noch das erste Mal alleine, war sie nicht gewohnt. Es bereitete ihr Unbehagen. Sie versuchte sich mit ihren Himbeer-Augen an etwas in ihrer Umgebung festzuklammern, um sich abzulenken. Plötzlich nahm sie schemenhaft eine kleine Bewegung links von ihr wahr. „Aaaaah“, entfuhr es ihr schreckhaft. Es hatte sich eindeutig etwas neben ihr bewegt!

„Keine Angst“, hörte sie eine krächzende, tiefe Stimme sagen. „Ich tu dir schon nichts“. „Ähm, entschuldigung, aber wo kommen Sie denn her“, fragte Malina die Gestalt, nun etwas mutiger. „Wahrscheinlich vom gleichen Tisch wie du?“, antwortete das andere Wesen. Malina versucht etwas näher heran zu kullern. Nun, da sie ausgeschlafen und fit war, gelang es ihr. „Oh Himbeer-Gott im Himmel, wie sehen Sie denn aus und was ist mit Ihnen passiert“, fragte sie ganz erschrocken. Malina hatte erkannt, dass ihr Gegenüber auch etwas zu Essen sein musste. Nur sah es überhaupt nicht mehr appetitlich aus. „Haben die Bernards Sie etwa auch verloren?“ „Ja, das könnte man wohl so sagen“, antwortete es mit trauriger Stimmlage. „Ich war mal ein Teil des Abendessens der Bernards und dabei geschah es dann“, antwortete das dort liegende Etwas. „Ach herrje, das tut mir Leid“, sagte Malina, sichtlich berührt. „Na, aber wenn es erst vor kurzem beim Abendessen passiert ist, dann besteht für Sie ja noch Hoffnung!“ „Hoffnung?“, schmunzelte das Abendessen-Überbleibsel. „Ganz sicher nicht. Dies ist schon meine zweite Nacht hier auf dem Boden. Ich meinte natürlich das Abendessen zuvor, nicht erst kürzlich. Ich vermisse mein Baguette sehr, doch das ist wohl bereits verdaut worden von den Menschen. Und ich, ich ende hier auf dem Boden. Das wars dann für mich, so will mich keiner mehr.“

„Aber ich dachte, pardon, sind Sie etwa nicht ein croûton? Ist es nicht so?“, fragte Malina nun stutzig. „Aber nein“, gluckste es vor sich hin, „ich war mal ein Teil eines frischen, nur leicht krossen Baguettes. Und nun sieh nur, was aus mir geworden ist. Zwei Tage später und man erkennt mich noch nicht einmal mehr. Ausgetrocknet und bescheiden, so geht es mir gerade.“ Malina hatte solches Mitleid. Zwei Tage schon? Na, hoffentlich stünde ihr das nicht auch bevor. Ob Himbeeren wohl auch vertrockneten, fragte sie sich. Armer Monsieur croûton, sie gab ihm einfach diesen Namen, denn schließlich ist es das, was er nun ist. Er war nun einmal nicht mehr frisch. Genießbar vielleicht schon noch, aber appetitlich sah anders aus. „Monsieur croûton, es freut mich sehr, dass wir uns kennenlernen. Ich bin Malina und mein Schicksal ereignete sich erst vor ein paar Stunden. Wenigstens sind wir jetzt nicht mehr alleine.“ Malina kullerte näher heran und nahm sich vor, sich die nächsten Stunden mit Monsieur croûton zu unterhalten. Wenn sie schon vertrocknet enden sollte, so wollte sie alles von Baguettes und wo sie herkamen, erfahren. Ihre Neugierde hatte neues Futter und Malina war wissbegierig wie noch nie!

Rumba

Abgelenkt durch die schöne Unterhaltung, die sie hatten, merkten weder Malina noch Monsieur croûton, dass die Menschen wieder wach waren. Malina hatte Monsieur croûton klar gemacht, dass er sich doch glücklich schätzen solle, jetzt da er etwas anderes war als ein Krümelchen vom Baguette. Sie hatte ihm erklärt: „Jetzt, da Sie durch einen unglücklichen Zufall, zu einem schrumpeligen, trockenem, altem Stück croûton geworden sind, sind Sie doch zu etwas Neuem entstanden! Für croûtons steht sicherlich auch ein schönes Paradies bereit, Monsieur.“ Mit ihrer frechen und charmanten Art brachte Malina den Herrn trotz seiner alten Tage noch zum Lachen. Sie verstanden sich auf Anhieb. Malinas Himbeeren-Einsamkeit hatte sich aufgelöst.

Erst als Monsieur Bernard mit lauter Stimme zu seiner Frau sprach, wurden die Himbeere und das Stück Baguette wieder auf den Boden der Tatsachen zurückversetzt: „Marie, könntest du bitte mal aktivieren, dass hier gesaugt wird. Ich decke schon einmal den Tisch, ja?“. „Sicher, kein Problem. Kann gleich losgehen!“, ertönte es aus dem Nebenzimmer. Malina war ganz aufgeregt und fragte sich, ob die Bernards die tarte wohl bald schon verspeisen würden? Wie spät war es überhaupt, eventuell schon Mittag? Fragen über Fragen und weder sie noch Monsieur croûton konnten sie beantworten.

Aus dem Nichts ertönte ein eigenartiges, gleichmäßiges Summen aus der Ferne. Malina und Monsieur croûton standen mittlerweile nicht mehr so weit voneinander entfernt. Sie hatte letzte Nacht schon versucht, sich in die Ecke zu kullern, an der das croûton stand. Es hatte nicht ganz geklappt. Immerhin ein bisschen. So konnten sie die Unterhaltung aus näherer Distanz führen. Malina fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie beide gefunden wurden. Was war denn nur dieses Geräusch, es wurde immer lauter. Malina war total irritiert und neugierig zugleich. Monsieur croûton seufzte. „Malina, ich danke dir vielmals für die nette Unterhaltung! Es war mir ein Vergnügen. Und falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich dir noch ein wunderschönes Himbeer-Leben! Du bist noch jung und flink, nutze deine Kräfte gleich!“, rief ihr Monsieur croûton zu. Das verstand Malina nicht ganz. Wieso sollten sie sich denn nicht wiedersehen? Würde Monsieur croûton sich etwa gleich auflösen? Nein, so ging es mit croûtons bestimmt nicht zu Ende. „Ich verstehe nicht ganz, Monsieur! Moment, ich versuche näherzukommen. Hier ist es gerade so laut!“ Plötzlich fühlte Malina sich beobachtet, da stand jemand Großes hinter ihr. Na endlich, dachte sie sich. Man hatte sie bemerkt und hob sie gleich auf. Blitzschnell versuchte sie sich umzudrehen und sich bereit zu machen. Doch hinter ihr stand nicht jemand, sondern etwas! Mit Buchstaben darauf, Moment, stand da etwa Romba? Rumba? Sie konnte es nicht ganz erkennen und lesen war ja nun mal wirklich nicht die Stärke von Himbeeren. „Hey du da, sei mal nicht so laut! Ich verstehe Monsieur dort hinten nicht gut!“, schrie sie es an. Malina hatte keine Angst mehr, sie war ja nicht mehr allein.

Das Teil, groß und rund, wie sie nun erkennen konnte, kam immer näher. Es bog hinter ihr, direkt am Tischbein vorbei, ab und steuerte… „Oh nein!“, schrie Malina laut auf. Denn es steuerte direkt auf Monsieur croûton zu! „Malina, hüpf und kullere! Los, versteck dich da hinten! Ich wünsche dir alles Gute, kleine Himbeere“, rief ihr Monsieur croûton noch zu. „Heute ist es wohl soweit und Rumba nimmt mich mit auf meine weitere Reise. Adieu, Malina!“, hörte sie ihn noch sagen und „schlürf“ machte das Teil.

Monsieur croûton wurde aufgesaugt. Malina war perplex. Vor Schreck und um den letzten Willen von Monsieur croûton auszuführen, kullerte sie sich mit aller Kraft und Himbeeren-Energie in das kleinste Versteck, das sie finden konnte. Nun lag sie dort, außer Atem und etwas panisch, im Holzwinkel des Tischbeins versteckt. Und sie war wieder…allein.

Bijou

Malina trauerte um Monsieur croûton. Aufgrund ihrer Trauer schenkte sie den Gesprächen der Bernards, die scheinbar ihr Frühstück über ihr einnahmen, keine Aufmerksamkeit. Ihr war nicht nach lauschen. Sie fühlte sich verlassen. Hoffentlich fand Monsieur seinen Frieden im Rumba-croûton-Paradies. Sie vermisste ihn.

Als Monsieur croûtons letzte Minute geschlagen hatte, war Rumba kurz darauf in Malinas Nähe gekommen. Ihr Versteck war jedoch so gut, dass Rumba nicht nah genug an sie herankam. Das verhalf Malina, zu überleben. Ihre Freude hielt sich jedoch in Grenzen. Ihre Hoffnung schwand allmählich. Man findet mich wohl nie, dachte Malina sich. Da sie ihre letzte Kraft aufgewendet hatte, um in ihr Versteck zu kullern, brauchte sie eine Pause von dem allen. Malina schlief ein und verpasste dabei die Gespräche der Bernards am Frühstückstisch.

Sie wurde von einem lauten Geräusch geweckt. Nicht schon wieder Rumba, war Malinas Gedanke. Doch das Geräusch klang anders als das Summen zuvor. Es klang nach…ja! Malina hatte es schon einmal gehört, ganz unterbewusst, fiel ihr ein. Es war ein Bellen! Und als ihr dies klar wurde, ereignete sich kurz darauf Folgendes:

Bijou, der Malina ein Rätsel gewesen war, stand nun leibhaftig vor ihr! Der Hund der Bernards wurde an den Tisch gerufen. Bijou war ein Hund, nicht ein Schmuckstück! Malina musste lachen, es stimmte sie wieder ein wenig fröhlich.

Bijou stand nun direkt vor ihr, greifbar nah. Der Hund hatte sich direkt neben den Stuhl von Jacques Bernard gesetzt und gehorchte seinem Herrchen. Malina traute ihren Augen nicht. Eventuell bliebe ihr ja noch diese Chance! Sie hatte ein konkretes Ziel vor Augen! Sie musste Bijou auf sich aufmerksam machen! Wenn der Hund sie aß, dann war die Welt wieder in Ordnung.

Die Bernards hatten solch einen aufgeweckten Hund, dass Malina gar nicht viel tun musste. Sie wurde von den Bernsteinaugen direkt angesehen. „Nun, iss mich schon, du großes, flauschiges Schmuckstück!“, trällerte Malina keck in ihrer wiedergewonnenen Lebensfreude. Die großen bernsteinfarbenen Augen blickten sie an. Malina spürte plötzlich die kalt-feuchte Hundenase an ihrer Himbeer-Schläfe und zitterte am gesamten Himbeer-Leib vor Freude. Gleich, gleich kam sie ins Paradies! Ach, hätte das doch Monsieur croûton nur miterleben können, dachte sie sich. Malina hatte ihre Himbeer-Augen geschlossen und es passierte:

Nichts.

Sie öffnete langsam ein Himbeer-Auge nach dem anderen und schaute direkt in Bijous Augen. Der Hund rümpfte seine Schnauze, schüttelte sich, so dass Malina durch den Windstoß aus ihrer Ecke heraus gekullert wurde und ging. Er ging einfach! Einfach so, er hatte sie noch nicht einmal gekostet! Scheinbar gehörte Malina wohl nicht gerade zu Bijous Leibspeise, dachte sie. Sie konnte es dem Hund nicht übel nehmen, schließlich war er ein Hund. Naja, ein Versuch war es wert gewesen. Und immerhin wusste sie jetzt, um was es sich bei Bijou handelte.

Charlie

Malina langweilte sich nach diesem Geschehen. Es passierte nichts Interessantes mehr um sie herum. Die Bernards waren wieder weg, Bijou ebenfalls. Sie malte sich aus, wie lange es wohl dauern würde, bis sie vertrocknet oder faulig war. Beides war wohl wahrscheinlicher als doch noch aufgetischt zu werden. Moment, die tarte, fiel ihr ein. Was war aus ihr geworden? Als hätte sie es riechen können, ging die Küchentür in diesem Moment auf und mehrere Menschen kamen herein. Es waren zwei Menschen darunter, deren Stimmen sie bisher noch nicht gehört hatte. „Ich gebe euch die Sachen und ihr könnt sie mit nach draußen nehmen. Ich denke, bei dem schönen Wetter, ist es draußen im Garten schöner als hier drin.“, hörte sie Marie Bernard zu den anderen beiden sagen. Na toll, ging es Malina durch den Kopf. Nun bekam sie noch nicht einmal mit, wie ihre Familienangehörigen von der leckeren tarte ins Himbeer-Paradies kamen. Sie hörte Geklapper, Geplapper und eine Küchentür, die sich wieder schloss. Halt, ganz geschlossen wurde sie nicht, erkannte Malina. Einen kleinen Türspalt breit blieb sie offen. Malina hörte aus dem Küchenfenster, das die Bernards wohl gekippt haben mussten, Gelächter und die verschiedenen Gespräche der Menschen. So kurz vor ihrem Himbeeren-Ende auf dem Küchenboden der Bernards, dachte sich Malina, wurde es doch noch ganz schön. Sie lauschte, sie träumte und sie lenkte sich ab. Sie saugte alles Gesagte in sich auf. Sollte es doch noch eine Milli-Himbeeren-Wahrscheinlichkeit geben, ihre Familie wiederzusehen, dann hatte sie sehr viel zu erzählen.

Ein paar Himbeer-Wochen später (in Menschenzeit handelte es sich nur um wenige Stunden), bemerkte Malina mit Vergnügen, wie die Küchentür ein kleines bisschen geöffnet wurde. Und siehe da, es sah so aus, als würde dort auf dem Küchenboden der Bernards, mit etwas Distanz, etwas auf sie zugekullert kommen. Nein, Augenblick! Es war kein Kullern, dafür war es viel zu schnell. Es sah eher aus wie ein Krabbeln. Na, das amüsierte jetzt Malina aber sehr, sie bekam wieder Besuch! Und diesmal war es das letzte Familienmitglied dieses Haushaltes. Charlie krabbelte geradewegs auf die kleine Himbeere zu. Und Charlie war ein Junge! Jetzt wusste Malina es und ihre letzten Fragezeichen, die sie anfänglich gehabt hatte, lösten sich in Luft auf. Charlie sah es gar nicht ein, Halt zu machen. Das kleine Baby krabbelte einfach weiter auf Malina zu, grinste sie an, erfreute sich ihres Anblickes und streckte seine süßen, kleinen Babyhände nach ihr aus.

Malina konnte sich gar nicht ausgiebig freuen, so schnell ging alles! Jetzt wurde es Malina klar: Der Küchenboden der Bernards, einer kleinen drei-köpfigen Familie in Paris, war ihre letzte Lebensstätte. Sie hatte so viel erlebt, ja sogar eine Freundschaft geschlossen! Mit Monsieur croûton! Sie hatte mehr über das Menschenleben gelernt und wurde einige Himbeer-Wochen alt bis…

…sie im Magen von Charlie landete. Was war das für ein Glücksgefühl! Malina hat vor Freude geschrien! Es waren laute, trällernde, Himbeer-Freudenschreie, die bis nach Polen – ihrer Heimat – fortgetragen wurden. Charlie, du Retter in der Not! Du bist ein Goldstück, dachte sich Malina und hätte das Kind nur so himbeer-knuddeln können!

Und was Malina nicht wusste: Charlie hatte bisher noch nie eine Himbeere gekostet. Es war für Charlie die allererste Himbeere und auch er war völlig außer sich, von dieser Geschmacksexplosion. Dies war erst der Anfang von Charlies Liebe zu Himbeeren! Er wollte mehr von ihnen probieren! Köstlich schmeckte diese süße, kleine Frucht! Und so war es nicht nur Malina, die einen außerordentlich schönen Tag – ihren letzten im Himbeeren-Dasein auf der Erde – hatte. Sondern auch für Charlie ging der Tag sehr schön aus.

Das Himbeer-Paradies

Malina hatte es geschafft! Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen und als sie das nächste Mal ihre Himbeer-Augenlider öffnete, da kullerte sie auf ihre Familie zu. Sie trafen sich alle wieder und vor allem Malina hatte nun mehr als genug zu erzählen von ihrem besonders außergewöhnlichen Himbeer-Leben! Dafür hatte sie nun unendlich viel Zeit und konnte mit all ihren Angehörigen das Himbeer-Paradies genießen.

Himbeer-Ende

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