Kater Kralle heißt gar nicht Kater Kralle. Dies war kein Deckname, nicht so wie bei Agenten. Gewünscht hätte er es sich, ein Agent zu sein. Ein Kater-Agent mit einer schwarzen Sonnenbrille und einem Notizblock in seiner Tatze. Fälle lösen machte bestimmt Spaß, aber es brauchte auch eine gehörige Portion Mut dazu.

Kater Kralle war gar nicht mutig. Kater Angsthase hätte eher zu ihm gepasst. Die Menschen um ihn herum, benannten ihn doch lieber nach seiner außergewöhnlichen Kralle, die immer viel zu lang war. Seine Besitzer hatten sie immer wieder stutzen lassen. Denn selbst am Kratzbaum, an dem sich Kater oft und gerne aufhielt, wurde die Kralle durch sein Wetzen kein bisschen stumpfer. Stattdessen blieb er oft daran hängen.
Er hasste es, wenn Frauchen wieder trällerte: „Kralle, komm her. Wir müssen zum Tierarzt.“

Kater vergrub sich dann immer in seiner Höhle und schielte nur mit einem kleinen Äuglein aus seinem Versteck heraus. Dann verspürte er, meist plötzlich, einen süßen, köstlichen Duft in seiner feinen Katernase und all seine Instinkte befahlen ihm, sich diesem Geruch zu ergeben.
„Yippeeey“, rief er dann fröhlich und folgte der Verführung in der Luft.

Klack, hörte er dann jedes Mal die Katzenbox hinter sich klicken und spürte Frauchens tätschelnde Hand über ihm auf seinem Kopf.
„Braves Katerchen.“
Wie schafften sie das immer nur, fragte sich Kater Kralle. Er kam einfach nicht darauf, wie er in die Katzen-Transportbox und danach beim Tierarzt gelandet war.

Am nächsten Tag passierte nicht viel. Bommel, sein Geschwisterkätzchen und Liebling der Familie, putzte sich genüsslich das Tätzchen.
„Heute ist Waschtag“, sang sie und schleckte sich ihre Tatze zum wiederholten Mal.

„Gääääääääähn.“ Kater Kralle öffnete sein Katermäulchen weit und streckte die Zunge raus. „Mir ist laaaaaangweilig. Gerne würde ich heute einen Fall lösen. Heute, heute nehme ich mir vor, nicht mehr so ängstlich zu sein und wie ein Agent einen Fall zu lösen.“
„Das nimmst du dir jeden Tag vor, Kralle. Mach doch einfach mal! Ach guck, wer da kommt. Mein Lieblingsjunge.“
„Äh, Bommel. Das ist der einzige Junge in diesem Haushalt. Frauchen und Herrchen haben nur einen Sohn.“

„Das sagte ich doch gerade, mein Lieblingsjunge.“
„Ja, aber Bommel. Wenn es doch nur einen Jungen gibt, dann kann es doch keinen Lieblingsju…“

„Mama, schau mal!“. Bommel und Kralle wurden unterbrochen und schreckten auf.
Der Junge saß am Frühstückstisch und aß wie jeden Morgen seine Cornflakes.
„Dieser Zahn hier wackelt jetzt. Dann ist das bestimmt der nächste!“
Bommel und Kralle waren diese Ausrufe des Jungen gewohnt. Das kam schon ein paar Mal vor und war derzeit ihr liebstes TV-Programm. Kralle war schlagartig nicht mehr langweilig.

„Dein Lieblingsjunge verliert allmählich seine Milchzähne, Bommel“, nuschelte Kralle und schleckte sich seine Tatze. „Ist er nicht groß geworden? Ich erinnere mich noch daran, wie er seine Windeln trug und wir mit diesen Päckchen Windelball spielten. Weißt du noch?“
„Ja, das weiß ich noch, Kralle. Ich erinnere mich auch daran, wie du immer aufgeschreckt bist. Frauchen hatte dich jedes Mal zuerst erwischt und schrie kurz auf. Du hast jedes Mal gebibbert vor Angst und dich gleich unter der Couch verkrochen. Ich hingegen bin stolz auf unser Wurf-Talent stehen geblieben und habe nie Schelte bekommen.“

Kralle streckte Bommel seine Zunge raus. „Bist ja auch das Lieblingskätzchen. Ich war nur höflich und nicht ängstlich.“
Der Kater wusste, dass Bommel Recht hatte. Sie bekam schon genug Aufmerksamkeit, da wollte er ihr nicht auch noch zustimmen. „Höflich. Tz, und streckst mir dabei die Zunge raus. Höflicher, ängstlicher Kater Kralle.“
„Das war nur ein Gähnen“, log Kralle und hatte keine Lust mehr auf Konversation. Er sprang auf Frauchens Schoß und brauchte jetzt Kuscheleinheiten.
„Autsch, Kralle. Das tut weh, ist sie schon wieder so lang? Müssen wir etwa wieder zum Tierarzt? Lass mal schauen.“
„Meow“, machte Kralle. Frauchen verstand ihn nicht.

Die Tage vergingen. Kralle und Bommel beobachteten den Jungen, wie er nun nicht mehr spielerisch, sondern mehr verzweifelt mit den Fingern an seinem lockeren Milchzahn herumfuchtelte. Seine Laune ließ zu wünschen übrig und er beklagte sich, nicht mehr richtig essen zu können.
„Das nervt“, sagte Junge. Das waren die letzten Tage seine Lieblingsworte gewesen.

Kralle hatte Mitleid mit ihm und zerbrach sich den Kopf, was man wohl hätte tun können. Er selbst hätte Angst gehabt, an seinem Zahn herumzuspielen, wie es Junge die ganze Zeit tat. Das musste doch weh tun! Ständig hatte er seine Finger im Mund. Wenn Kralle vom Tierarzt an seinem Mäulchen angefasst wurde, musste er immer fauchen. Er hatte Angst, dass man ihm einen stahl. Seine Zähne waren Kater Kralle heilig, die brauchte er selbst! Und Junge konnte es scheinbar kaum abwarten, seinen Zahn loszuwerden. Komische Menschenwelt, dachte er sich.

Das Menschenkino bot ihm jeden Tag ein neues Schauspiel. Sie kamen auf die verrücktesten Ideen: Junge biss, statt in seine Cornflakes, auf etwas härteren Brötchen herum. Er putzte sich mehrfach am Tag die Zähne und wackelte mit Hilfe der Zahnbürste an seinem Zahn herum. Ja, sogar seine Eltern ließ er auch mal an seinem Milchzahn wackeln. Kralle verstand die Menschen nicht. Warum konnte Junge es kaum abwarten, diesen Zahn loszuwerden?

„Das nervt“, hörte er den Jungen am Nachmittag wieder schnaufen. Kater Kralle sah, wie er sich frustriert aufs Bett warf und sein Gesicht zwischen den Kissen vergrub. Kralle hüpfte hoch und kuschelte sich zu ihm. „Mir ist laaaaaangweilig“, sprach er zum Jungen. „Meow“, war nur zu hören. Junge sah kurz auf und fuhr ihm durchs Fell.

Dann stand er auf und suchte nach etwas in seiner Schublade. „Kralle, du hast doch auch Angst vorm Tierarzt, oder?“, fragte er ihn. Kralle nickte und Junge sprach weiter.
„Mama und Papa haben gesagt, dass wir zum Zahnarzt müssen, wenn der Zahn nicht von selbst ausfällt. Ich will aber nicht zum Arzt!“
Ouuw, Kralle konnte das verstehen.
„Ich habe auch Angst, ständig.“, jammerte Kralle und alles, was Junge hörte war: „Meow.“

Diesmal hatte Junge scheinbar wieder eine verrückte Idee. Er band sich einen dünnen, was war das nur? Etwas dünnes um den Zahn herum und…
“Oh, ein Spielzeug“, rief Kater Kralle fröhlich und sprang freudig herunter auf den Boden. Dort lag das beste Spielzeug, das er je gesehen hatte! Es war flauschig und rund! Er tollte herum, warf es in die Luft und liebkoste es mit seinen Tatzen. Deshalb bemerkte er nicht, wie…

„Timo, was machst du da?“, rief Frauchen erschrocken und Kralle machte sich fast in die Hose!
Schnell sprang er auf, ließ sein Wollknäuel vor Schreck fallen und sprintete so schnell er nur konnte los.
„Nein, Kralle, stopp!“ Wenn Frauchen das rief, meinte sie eigentlich damit, dass Kralle sich schleunigst wegscheuchen sollte.
Das tat er.

Kater Kralle rannte und bekam gar nicht mit, dass er sich mit seiner Kralle im Wollfaden verfangen hatte. Den Wollfaden hatte sich Junge am anderen Ende um den Zahn gewickelt. Es passierte alles so schnell und da Kralle vor Schreck um sein Leben hechten musste, bekam er nicht alles mit. Er hatte doch gerade gespielt. Junge hatte ihm das beste Spielzeug überhaupt vor die Tatzen gelegt. Scheinbar hatte er Kralle vorhin doch verstanden.

Völlig außer Atem kam der Kater hinter der Tür zum stehen und hörte nur den Freudenschrei des Jungen:
„Juhuuu! Danke Kralle! Er ist draußen! Jetzt muss ich nicht zum Zahnarzt!“
Kater Kralle hatte wohl seinen besten Fall im Katerleben gelöst, zwar nicht als Agent, aber mit Hilfe seiner besonderen Kralle. Den besten „Milchzahn-(Aus)Fall“. Er hatte sich den Milchzahn „gekrallt“. Damit wurde er seinem Namen mehr als gerecht. Vielleicht, dachte der Kater, war Kralle doch ein ganz guter Agenten-Name.

Wenn euch die Geschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne noch einmal auf Youtube anhören!

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