Neles Atem bildete kleine Wölkchen vor ihrem Gesicht, so bitterkalt war es heute. Sie schlenderte hinter ihren Eltern her, die sich immer wieder nach ihr umdrehten.
„Süße, lauf bitte vor uns. Komm“, sagte ihre Mutter und schob sie an ihrer Schulter sanft nach vorne.

Wow! Überall bunte Lichterketten um sie herum. In der Luft lag der süße Duft von gebrannten Mandeln und Kinderpunsch. Sie wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Später würden sie sich noch etwas kaufen. Doch erst wollte Nele alle Stände sehen. Das liebte sie am meisten. Die Umgebung erkunden und glückliche Menschen bei ihren Weihnachtseinkäufen beobachten. Alle freuten sich auf das Fest!

Mama hatte noch ihre Tasse in der Hand. Wie immer schlürfte sie ihren Punsch langsam vor sich hin. Sie würden nochmal eine Runde drehen, bevor sie sich etwas zu essen holen würden.

„Stoppt!“, rief Nele plötzlich. „Schaut mal, da! Da will ich hin!“ Sie zog an der Hand ihres Vaters, ohne die Reaktion ihrer Eltern abzuwarten.
„Wow, wie schön!“ Sie hatte schon viel Weihnachtsdeko gesehen, der Keller ihrer Eltern war voll davon. Doch so ein schöner Weihnachtsstern war ihr bisher noch nicht begegnet. Irgendwie hatte er etwas besonderes an sich. Sie war fasziniert von diesem magischen, roten Licht!

Der Verkäufer des Standes schien in ein Gespräch verwickelt zu sein. Sie bekam nur Wortfetzen mit, in denen es um die Preise ging. Ihre Augen hielt sie vor lauter Begeisterung weiterhin auf den Leuchtstern gerichtet.
„Mama, können wir bitte den da haben?“ Mit ihrem Zeigefinger, der in ihren violetten Woll-Handschuh gehüllt war, zeigte sie hoch an die Decke des Standes.

„Davon haben wir schon zwei, Süße. Den brauchen wir nicht unbedingt.“
Nele schürzte ihre Unterlippe. Scheinbar erkannte ihre Mutter nicht den Unterschied. Sie sah nie die Details! Dieser Stern sah ganz anders aus als die zwei, die sie bereits hatten. Er…

Sie stockte kurz. Hatte sie da gerade ein Schluchzen gehört? Mit ihren Augen schweifte sie über den gesamten, wunderschönen Stand mit Weihnachtsschmuck. Dann bemerkte sie im Rücken des Verkäufers eine kleine, blonde Gestalt. Ein Mädchen. Sie zog an dem Mantel des Mannes, der ihr gerade keine Beachtung schenkte. Es musste daran liegen, dass er immer noch in das Gespräch vertieft war. Wieso schluchzte sie nur? Das Mädchen wirkte ziemlich traurig. Nele hatte Mitleid.

„Komm, Schatz. Mama möchte ihre Tasse zurückgeben.“ Diesmal zog ihr Vater an ihrer Hand und gab die Richtung an.
„Aber das Mädchen, da“, konnte Nele noch sagen und zeigte mit ihrem Finger auf die Gestalt, die sich nun hinter dem Mann versteckt hatte.
„Kind, zeig doch nicht immer mit dem Finger auf Menschen. So etwas gehört sich nicht.“ Sie hatte jetzt nicht die Muße, ihm zu widersprechen.

Fortgezogen, gehorchte sie und blickte noch einmal kurz zurück. Vom Mädchen war nur noch eine nackte Hand zu sehen, die weiterhin am Mantelsaum des Mannes zog. Auf dem Rückweg würde sie noch einmal bei ihr vorbeischauen, nahm Nele sich vor. Der Verkäufer war sicherlich ihr Vater, vermutete sie.

Mit ihrer Tüte gebrannter Mandeln in der Hand, sprang sie eine halbe Stunde später in einen kleinen, weißen Schneehaufen vor sich. Es lagen noch weitere kleine Schneehügelchen vor ihr. „Plitsch“, machte es bei jedem Sprung. Die Nachbarn von gegenüber hatten sich ebenfalls entschlossen, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Sie hörte sie, mit ihren Eltern um die Wette lachen.

Erwachsene! Quatschen konnten sie doch immer, aber in Schneehäufchen springen, das war einzigartig, dachte sie. Beim vierten Sprung fiel ihr die violett, glitzernde Mütze vom Kopf. Direkt in den weißen, pulverigen Schneehaufen. Nele musste lächeln. So doll war sie wohl gesprungen.

Als sie sich nach ihrer Mütze bückte, sah sie einen mit frischen Schneeflocken besprenkelten, schwarzen Zipfel aus dem Schneehaufen ragen. Neugierig schob sie mit ihren Händen den Schnee frei, um das Stück Stoff zu greifen. Ein völlig durchnässter, schwarzer Handschuh kam zum Vorschein. Etwas winziges in Gold blitzte sie an.

Sie putzte die goldene Plakette an ihrem Mantel ab und sah sie sich genauer an. Für Ida, stand darauf. Nele legte den gefundenen Handschuh an ihren eigenen an. Es hätte ihre Größe sein können. Ohne lange zu zögern, nahm sie ihre Mütze und den Handschuh, schnellte herum und rief ihre Eltern zu sich.

Wie sie es sich vorgenommen hatte, liefen sie wieder an dem Stand mit dem Weihnachtsschmuck vorbei. Nele zögerte kurz und trat dann entschlossen einen Schritt nach vorne. Sie waren an der Reihe.

„Was kann ich für dich tun, kleine Dame?“, fragte der Verkäufer mit einem netten Lächeln im Gesicht.
„Ich möchte nichts kaufen, vielen Dank.“, sagte Nele und griff in ihre Manteltasche. „Vorhin habe ich ein Mädchen hinter ihnen stehen sehen. Könnte es sein, dass dieser hier ihr gehört?“
Sie zeigte dem Mann den schwarzen Handschuh und hielt die Plakette so, dass er sie lesen konnte.

„Oh!“ Er riss die Augen erstaunt auf. „Moment, ich hole sie schnell“, sagte er und verschwand kurz hinter der Hütte. Das Mädchen, das vorhin noch geschluchzt hatte, kam mit einem strahlenden Gesicht hinter die Theke. Sie schien sich riesig zu freuen, als sie den Handschuh entgegennahm. Dann machte sie ein Handzeichen. Nele verstand es nicht.

„Meine Tochter freut sich sehr und bedankt sich vielmals bei dir!“, übersetzte der Mann. „Den Handschuh hatte meine Mutter für sie gemacht, bevor sie starb.“, erklärte er weiter.
Das Mädchen nickte, drehte sich zu ihrem Vater und formte verschiedene Zeichen mit ihren Händen. Sie hob ihren Finger Richtung Himmel.

Im nächsten Moment griff der Mann einen Stern von der Decke. Der rote mit der tollen Leuchtkraft, dachte sich Nele.
„Hier, bitte.“, sagte der Mann und reichte ihr den Stern. „Das ist Idas Geschenk für dich. Frohe Weihnachten wünscht sie dir!“

Nele war außer sich vor Glückseligkeit. Kleine Freudentränen kullerten ihr über die Wange. Sie nahm den Stern mit beiden Händen und gab ihn, ihren Eltern zum Halten. Dann drehte sie sich zu Ida und sah ihr direkt in die Augen. Ohne einen Ton zu sagen, formte sie ein „FROHE WEIHNACHTEN, IDA“ mit ihren Lippen. Das Mädchen hatte sie verstanden und nickte. Sie kam hinter der Theke hervor und fiel Nele um den Hals.

Wenn euch die Geschichte gefallen hat, könnt ihr sie gerne noch einmal auf Youtube anhören!

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