Es war einmal ein Prinz, der sich nichts aus Regeln machte. Seinem Vater, dem König des Landes, gehorchte er nicht und seiner Mutter zeigte er nie, wie gern er sie eigentlich hatte. Statt sich nützlich zu machen, richtete er nur Unfug an und vergeudete seine freie Zeit auf dem Königshof. Um das Volk des Landes scherte er sich nicht besonders, obwohl er eines Tages in die Fußstapfen des Königs treten würde.

Eines Tages reichte es dem Königspaar, sie wollten ihrem Sohn eine Lektion erteilen. So beauftragten sie ihn statt ihre Diener, einen Weihnachtsbaum zu besorgen.

„Damit du mal ins Land gehst und unser Volk kennenlernst, die dir dabei helfen werden. Wenigstens einmal sollst du eine Aufgabe erledigen. Enttäusch uns nicht!“, sprach sein Königsvater streng und bestimmend.

„Für Weihnacht, mein Sohn“, streichelte ihm seine Mutter über die Wange und verabschiedete ihn.

Der Prinz machte sich jedoch nichts aus dem Land. Stattdessen sprang er auf sein Ross-Mobil, das aus seinem Pferd und dem königlichen Anhänger bestand und ritt ungesehen in den Wald. Er wollte sich nicht mit dem Volk abgeben, da er sich selbst für etwas Besseres hielt. Als er einige Stunden geritten war, entdeckte er eine riesengroße Tanne, die aus einer dunklen Ecke des Waldes emporragte.

Sie sah anders aus als die anderen Tannen, denn sie hatte lebkuchen-förmige Tannenzapfen und war bereits von unten bis oben weihnachtlich geschmückt. „Die möcht ich haben“, dachte er sich und ritt auf sie zu. Als der Prinz sich ihr näherte, kam hinter der Tanne ein kleines Häuschen zum Vorschein. Es schien kein Licht durch die Fenster und wirkte verlassen. So stieg der Prinz von seinem hohen Ross hinab, schob seinen Anhänger näher heran und machte sich daran, die Tanne zu fällen.

Plötzlich hörte er aus dem Dunkel eine krächzende Stimme, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Tannen, die anderen gehören, stiehlt man nicht. Du diebischer Schuft, zeig mir sofort dein Gesicht!“ Da drehte sich der Prinz herum und blickte in die bösen Augen einer hässlichen, mit Warzen übersäten Hexe.
„Igitt, wie scheußlich!“, schrie er vor Entsetzen und fuhr fort: „Ich wollt die Tanne ja gar nicht stehlen!“

Die Hexe hatte erkannt, wer ihr gegenüberstand. Sie hatte genug gesehen und gehört, zückte ihren Zauberstab und richtete ihn auf den Prinzen:
„Den Prinzen hab ich hier vor mir stehen, das Grinsen wird dir schon noch vergehen!
Belügen und beleidigen lass ich mich nicht, ich zeig dir mal dein wahres Gesicht!
Ab heute sollst du besonders hässlich sein, und siehst es dann hoffentlich ein,
dass man sich Liebe erkämpfen muss, dein Fluch bricht nur durch einen Kuss.
Das ist die Strafe für dein Klau’n, ich verzaubere dich in einen Baum!“

Durch Tannenzweige hindurch sah der Prinz den erschrockenen Blick seines Rosses. Das Kichern der Hexe entfernte sich immer mehr und als er an sich selbst heruntersah, konnte er es nicht glauben. Sie hatte ihn verflucht und alleine im Wald stehen lassen: Als hässlichste Tanne, die die Welt je gesehen hatte.

Fünf Jahre später kehrte Magda den Fußboden ihrer bösen Stiefmutter. Ihr Vater hatte sich nach dem Tode ihrer leiblichen Mutter neu vermählt. So lange war er auf Geschäftsreise, dass er nicht mitbekam, wie schlecht es Magda ohne ihn ging.

Ihre Stiefmutter zwang sie, die Hausarbeiten alleine zu verrichten, verordnete ihr, ihren Freunden abzusagen und scheuchte sie von einer Ecke in die nächste. Etwas Warmes zu essen gab sie ihr auch nicht. Stattdessen musste sich Magda mit kalten Resten in einem verschmutzten Topf zufriedengeben. So sehr wünschte sie sich die Vergangenheit zurück und träumte von den schönen Weihnachtsabenden der Vergangenheit, an der Seite ihrer Mutter.

Für dieses Weihnachten hatte die böse Stiefmutter einen hübschen, großen Weihnachtsbaum bestellt, den Magda für sie schmücken sollte. Als sie ihn sah, blieb ihr die Spucke weg.
„So einen tollen eigenen Baum wünscht ich mir auch“, dachte sich Magda. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie ihre Gedanken versehentlich laut ausgesprochen hatte. Da brach ihre Stiefmutter in Gelächter aus.
„So einen wünschst du dir, Magda? So soll es sein!“ Magda wollt es nicht glauben, würde sie ihr etwa diesen Wunsch erfüllen?

Am nächsten Morgen wachte Madga auf und wurde gepiekst. Sie blickte durch ihr Zimmer und sah, dass neben ihrem Bett eine vertrocknete, alte Tanne stand. Sie betrachtete die Tanne und sah, wie neue Nadeln nachwuchsen und direkt wieder abfielen. Es hing ein Zettel daran, mit dem Hinweis, Magda solle ihr Zimmer gefälligst stets nadelfrei und sauber halten. Dafür hatte ihre Stiefmutter ihr diesen geschenkt! Sie wollte sie nur noch mehr beschäftigen.

Doch, das war Magda egal! Sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben einen eigenen Weihnachtsbaum! Sie versuchte den Baum zu pflegen und zu hegen, so gut wie es ihr gelang. Doch kaum hatte sie die Nadeln weggekehrt, lagen tausende neuer Nadeln auf dem Boden. Der Baum blickte sie kläglich und traurig an. Bei dem Versuch, ihn zu schmücken, fiel jeglicher Weihnachtsschmuck an den Ästen herab und zersplitterte auf dem Boden. Keine Kugel und kein Stern wollten daran halten. So stand er nackt, trocken und hässlich bis Weihnacht in ihrem Zimmer.

Am heiligen Abend ereilte sie die Nachricht, dass ihr Vater verhindert war. Er schaffe es nicht pünktlich von seiner Geschäftsreise nach Hause. Magdas Traurigkeit war nicht in Worte zu fassen. Ihre Stiefmutter ließ ihren Frust an ihr aus und verbannte sie auf ihr Zimmer.

Dort saß sie einzig und allein auf dem kalten Boden und nur die kleine, mickrige Tanne leistete ihr Gesellschaft. Leise murmelte sie vor sich hin:
„Mama, Papa, ich vermisse euch“, während ihr winzige Tränchen über die Wange kullerten. „Wenigstens hab ich dich“, wisperte sie, streichelte die trockenen Nadeln der alten, kargen Tanne und gab ihr einen Kuss. Sie schlang ihre Arme um den ersten, eigenen Weihnachtsbaum, den sie je besaß und sprach die Worte: „Du bist der schönste Baum, den ich je hatte!“

Im nächsten Augenblick blitzte die Tanne nur so vor sich hin und das gesamte Zimmer füllte sich mit Nebelschwaden. Die Tannennadeln wirbelten herum und verpufften in der Luft. Magda wusste nicht, wie ihr geschah. Der vermisste Prinz stand plötzlich da!
„Ab jetzt werde ich alles ändern!“, rief er und fiel ihr um den Hals.

Der Prinz hielt sein Versprechen, besserte sich und machte Magda zu seiner Frau. Fortan lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende und besorgten sich an jedem heiligen Abend den hässlichsten Baum des Königreichs.

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