Adventskalender gesucht!
Wichtiger Hinweis:
Ist unsichtbar, erscheint nur besonders Artigen!


Hilfe benötigt!

Finder erhält außerordentlich wertvollen Preis!

Eigenartig. Finn rieb sich erneut die Augen. Er las den Zettel, der an den Baum gepinnt wurde, nochmals durch. Tatsächlich! Er hatte sich nicht verlesen. Dort stand etwas von einem unsichtbaren Adventskalender!

Das sollte wohl ein Scherz sein. Ungläubig schüttelte er den Kopf und lief weiter nach Hause. Wenn er Fiona davon erzählte, würde sie vor lauter Abenteuerlust im Kreis herumspringen und ihn auf der Stelle beauftragen, den Kalender mit ihm zu suchen.
So ein Quatsch, dachte sich Finn. Unsichtbare Adventskalender gab es nur in Filmen, wenn überhaupt. Jetzt wo er so darüber nachdachte, fiel ihm zwar keiner über einen unsichtbaren Adventskalender ein. Doch wenn es einen gab, dann würde er ihn sich auf jeden Fall anschauen.

Gedankenversunken und nur wenige Meter von Zuhause entfernt, stockte er plötzlich und konnte seinen Augen nicht trauen. An der Straßenlaterne gegenüber war ein weiterer Zettel zu sehen. Neugierig sprintete er hin und las, was darauf stand. Das gab es doch nicht! Welcher Typ verteilte bitte diese merkwürdigen Blätter in der gesamten Nachbarschaft? Es war immerhin Dezember, so konnte das zumindest kein Aprilscherz sein!

Oje, wenn doch etwas dran war, dann hatte derjenige schon mal die ersten Türchen verpasst. Heute war bereits der 10. Dezember.
Was sich wohl hinter einem unsichtbaren Adventskalender verbarg? Schokolade? Unsichtbare Schokolade? Bei diesem Gedanken musste er laut losprusten. Das würde seine Mutter freuen. Sie war nämlich schon zum wiederholten Mal auf Diät.

Er riss das Blatt schnell ab und ließ es in seiner Jackentasche verschwinden. Sollte es ihn geben und Finn ihn finden, dann würde er diesen wertvollen Finderlohn, von dem die Rede war, ganz für sich allein einsacken. Ob er jetzt immer noch zu den Artigen zählte, da er einen Such-Zettel abgerissen hatte und diese Information für sich behielt?
Schnell sah er sich um, ob es irgendjemand mitbekommen hatte. Wie immer war weit und breit keiner in der Mühlenstraße zu sehen. Zufrieden kicherte er in sich hinein. So würde es schließlich auch niemand erfahren.

Darauf hätte er auch selbst kommen können. Selbstverständlich hatten es schon alle mitbekommen. Am Esstisch gab es kein anderes Thema mehr. Wenn etwas in dieser langweiligen Stadt passierte, dann erfuhren es einfach alle in Windeseile!

„Das wäre sooo toll!“ Fiona war, wie schon vermutet, nicht mehr zu bremsen. „Finn, hiermit ernenne ich dich zu meinem persönlichen Such-Begleiter. Wir machen uns direkt danach auf den Weg.“ Sie schaute ihn verschwörerisch an. „Du siehst ihn wahrscheinlich nicht, so gemein wie du immer bist. Aber du kannst mir dann beim Tragen helfen. Vielleicht ist er ja schwer.“
„Och wie lieb von dir.“, sagte er ironisch und verdrehte seine Augen. „Und was hab ich davon?“

„Was auch immer es ist, du bekommst ein kleines Stück von meinem Finderlohn.“ Fiona streckte ihm ihre kleine Hand hin und wartete auf seine Reaktion.
Das klang fair, fand er. Also schlug er ein und nickte.
„Abgemacht.“

Ihre Mutter hatte leise zugeschaut und lächelte zufrieden. „Na ihr zwei Artigen, dann stellt mal unter Beweis, wie brav ihr wirklich seid. Helft mir mal beim Abräumen bitte.“
Na toll. Da hatten sie sich jetzt was eingebrockt.

Bevor sie loskonnten, mussten sie ihrer Mutter bei den Einkäufen helfen. Sie nutzte die Situation sehr gut für sich aus, dachte sich Finn. Heute war Markt, Fiona und er wollten dort schon mal die Augen offen halten.

„Ach herrje“, rief seine Schwester aufgebracht, als sie durch die Marktgasse liefen. Fionas Ausruf brachte Finn und ihre Mutter abrupt zum Stehen.
„Was ist, Fiona?“
„Mami, können wir dem Armen dort vorne was geben? Er trägt gar keine Mütze! Es ist doch so kalt!“
Erst jetzt sahen sie, wen sie meinte. Dort saß ein Obdachloser, mit einem Pappbecher vor sich auf dem Boden.

„Er sitzt jeden Samstag hier“, murmelte Finn gedankenversunken. Das brachte ihn auf eine Idee. Ein Obdachloser, der auf dem Straßenboden saß, war der perfekte Beobachter des städtischen Geschehens. Wenn es einen gab, der vielleicht etwas mitbekommen hatte, dann wohl er.

„Ich weiß, was du denkst.“ Fiona war wohl nicht dumm.
„Du glaubst, er könnte etwas wissen.“, sprach sie Finns Gedanken aus und fügte hinzu: „Er ist aber kein Kind! Also hätte er ihn nie gesehen!“
Finn kramte den Zettel aus seiner Jackentasche und las es sich nochmals durch. Darauf stand nichts von Kindern, er hielt ihn seiner Schwester hin.
„Öhm, ich bin erst 4 und kann noch nicht lesen“, erinnerte Fiona ihren Bruder. Ach, das hatte er kurz vergessen.

„Du hast Unrecht, vielleicht hab ICH es euch falsch erzählt oder so“, mutmaßte er. „Na jedenfalls steht darauf nichts von Kindern. Artig können doch auch Erwachsene sein, oder?“
Das war ihre Chance! Sie warfen ihm gemeinsam das Geld in den Becher und sprachen ihn an. Mit krächzender Stimme bedankte er sich und lächelte zurück. Die Kinder redeten durcheinander, so dass ihre Mutter sie bremsen musste.

Einen Adventskalender habe er nicht gesehen, meinte der Mann schließlich.
„Ich weiß, wie es ist, etwas zu verlieren“, hatte er traurig gemurmelt und dann zu Boden geblickt. „Der Verlust ist für die Person, die ihn vermisst, bestimmt schmerzhaft.“

Der Obdachlose versprach ihnen, die Augen offen zu halten und sie verabschiedeten sich. Als sie sich bereits herumgedreht hatten, rief er ihnen noch etwas nach.
„Gott hab euch selig! Vielen Dank!“, waren seine letzten Worte, während er seinen Pappbecher in die Höhe hielt.

„Gute Idee von dir Fiona. Hoffe, du hast das nicht nur wegen dem Zettel gemacht?“
„Nein, Mama. Echt nicht, er tat mir einfach Leid.“, schwor Fiona und meinte es vollkommen ernst.

Es waren Tage vergangen. Einige der Such-Zettel waren durch den Wind auf dem Straßenboden gelandet und in Vergessenheit geraten. Die Kinder hatten weder etwas gesehen, noch etwas gehört über diesen geheimnisvollen Adventskalender. Heiligabend stand kurz bevor und ihre Mutter war dieses Jahr nicht so gut organisiert wie sonst. Unbedingt mussten sie noch einmal einkaufen gehen, bevor der Markt über die Feiertage geschlossen war.

Erneut fuhren sie gemeinsam hin und betrachteten die tolle Beleuchtung in der Innenstadt.
„Hey!“, schrie plötzlich jemand. Sie hörten eilige Schritte hinter sich und erschraken. „Ihr Zwei! Gut, dass ich euch sehe! Wartet mal!“
Die Kinder fühlten sich angesprochen und drehten sich um.
Der Obdachlose! Er streckte seine Handflächen schulterbreit aus und versuchte ihnen etwas zu überreichen.

Hä? Was sollte das denn, war er übergeschnappt?
„Euer Adventskalender!“, strahlte er sie an und schaute in ihre verwirrten Gesichter. „Erkennt ihr mich nicht?“
Die Kinder sahen sich zunächst gegenseitig an und dann wieder ihn.
„Doch, wir wissen, wer Sie sind.“ Fiona hatte das Wort ergriffen. „Aber da“, sie zeigte zwischen seine Hände, die er komisch ausgestreckt hatte. „Da ist nichts.“
Der Obdachlose wurde noch blasser, als er es ohnehin schon war und sah aus, als hätte er einen Geist gesehen.

„Oh okay“, murmelte er vor sich hin und ging etwas in die Knie. Dann tat er so, als stelle er traurig und enttäuscht einen großen Gegenstand vor ihnen ab.
„Moment mal!“, fragte Finn stutzig. „Sehen Sie da etwa wirklich etwas?“
Alle Blicke waren auf den armen Mann gerichtet.
„Ach du Gütiger“, entfuhr es ihm, wie ein Geistesblitz.
„Sie sind wohl besonders artig gewesen dieses Jahr!“, sprach Fiona die Vermutung aller laut aus.

„Ich wollt ihn euch zurückgeben und hab ihn aufbewahrt.“, erklärte er ihnen. „Ihr sagtet doch, ihr sucht danach. Da dacht ich, er gehört euch.“ Er zuckte mit den Schultern. „Hab gewartet, bis ich euch wiederseh.“
„Was sehen Sie denn genau?“, fragte Fiona neugierig.

Der Obdachlose beschrieb ihnen den Adventskalender. Türchen 1-9 waren bereits offen und leer. Alle weiteren Türchen waren noch geschlossen. Er hatte es bisher nicht gewagt, sie zu öffnen, schließlich gehöre er ihm nicht.
Im nächsten Moment flatterte ein Briefumschlag über ihren Köpfen auf die Gasse hinab. Doch nur der Mann konnte ihn sehen, erzählte den Kindern davon und las laut vor:

FÜR DEN ARTIGSTEN FINDER DES JAHRES

Als er den Umschlag öffnete, purzelten eine kleine Zuckerstange und ein goldenes Ticket heraus. Darauf stand:

Abfahrtzeitpunkt: Mitternacht
Abfahrtsort: Marktgasse

Herzlichen Glückwunsch!
Dein Finderlohn:

Weil du so artig warst, brauchen wir genau DICH als Weihnachtshelfer!
Wir können jede Unterstützung gebrauchen.
Steige heute Nacht in den Weihnachtsexpress.

Du wirst abgeholt.
Liebe Grüße
Santa Claus

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