Sie waren auf dem Weg zur Tortenstube. Tessas Oma wurde am Samstag 80. Zu diesem besonderen Anlass hatten sie eine Marzipantorte mit Rosenblüten-Verzierung bestellt. Es war nicht das erste Mal, dass Tessa ihre Mutter in die Stube begleitete.

In der gesamten Umgebung war der Tortenmacher bekannt. Auch ohne großen Anlass holte man sich ein feines Stück. Hier gab es weit und breit die besten Torten. Sie schmeckten köstlich und sahen aus wie kleine Kunstwerke.

Zu ihrer Einschulung hatte Tessa eine Torte in Form einer Schultüte mit Süßigkeiten darin und einer Buttercreme-Nuss-Nougat-Füllung bekommen. Sie war mit Buntstiften aus Zucker geschmückt und unglaublich lecker, dass ihre Freunde noch heute davon schwärmten.

Das Schaufenster des Ladens war eine Sehenswürdigkeit in ihrem Dorf, von außen sah der Laden bunt und besonders aus. Es gab kleine und große Torten in der gekühlten Auslage zu sehen, eine schöner als die andere. Sie hätten niemals alle verkauft werden können, schließlich bestand das Dorf nur aus wenigen Bewohnern. Man munkelte, dass der Tortenmacher auch ohne Aufträge arbeitete und seine Torten aus purer Freude anfertigte.

Genau genommen waren die Leckereien der einzige Grund, weshalb man freiwillig in die Stube ging. Denn es gab einen klitzekleinen Haken: Der Tortenmacher selbst.
Tessa fand ihn etwas unheimlich. Er redete nicht gern und kaum einer aus dem Dorf wusste etwas über ihn.

Als sie mit ihrer Mutter den Laden betrat, quietschte die Eingangstür kläglich.
„Die Tür müsste mal geölt werden, sowie Papa das immer bei uns macht“, sagte Tessa zu ihrer Mutter.
„Liebes, du weißt doch wie er ist.“ Ihre Mutter musste schmunzeln und wies sie mit ihrem Blick an, still zu sein.

Die Theke war nicht besetzt. Das war sie meist nie, wenn man nicht vorbestellt und einen Abhol-Termin hatte. Bestellungen gab man nur schriftlich auf, per Post oder Textnachricht, alternativ gab es sogar einen Anrufbeantworter. Doch mit dem Tortenmacher telefonieren? So etwas war nicht möglich.

Sie warteten kurz, doch er kam nicht. Scheinbar hatte er sie nicht gehört. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als mit der Thekenglocke zu läuten. Während sie warteten, sah Tessa eine Torte im Schaufenster, die aussah, wie die Eisbahn im Dorf.
„Wow, guck mal Mama!“, rief sie vor lauter Begeisterung. „Eine Eisbahn als Torte! Das ist das gleiche Thema meines Kunstprojekts! So toll schaut die aus, die hätte eine glatte 1 verdient!“

Ob der Tortenmacher wohl anders war, als er noch zur Schule ging, fragte sich Tessa im Stillen. Ein Murren unterbrach ihre Gedanken. Der Tortenmacher betrat die Stube aus seinem Kämmerlein, nickte ihnen kurz zu und senkte seinen Blick dann wieder zu Boden. Schlurfend schleppte er sich zur Theke vor, hob eine Schachtel hoch – Tessa vermutete Omas Torte darunter – und stellte sie ihnen auf die Theke. Dann tippte er ohne Worte etwas in seine Kasse ein und riss den Zettel ab. Mit seinem Finger zeigte er auf die Gesamtsumme, die auf dem Papier stand und hielt es Tessas Mutter so hin, dass sie den Betrag sehen konnte. Seinem Gesichtsausdruck gewann man nichts ab. Eigenartig dieser Typ, ging es Tessa durch den Kopf.

„Herzlichen Dank!“ Ihre Mutter blickte kurz in die Verpackung und strahlte nur so über beide Ohren. „Wunderschön, die wird meiner Mutter sehr gefallen!“, hörte Tessa sie sagen und sah, wie sie die Transportbox in beide Hände nahm.

„Danke schön“, sagte Tessa auch und lächelte ihn an. Der Tortenmacher nickte wieder kurz, lächelte jedoch nicht zurück.
„Eine Frage hätte ich da noch“, meldete sich nun Tessa zu Wort. Ihr brannte es unter den Fingernägeln.

„Tessa, nicht doch. Er hat bestimmt noch viel zu tun.“ Scheinbar war es ihrer Mutter unangenehm und sie wollte so schnell wie möglich gehen. Der Tortenmacher regte sich nicht, blickte tief in Tessas Augen und wartete. Zumindest wirkte es so, als würde er warten. Seine Mimik blieb unverändert.

„Wie heißen Sie eigentlich richtig? Alle nennen Sie immer nur Tortenmacher. Sie müssen doch einen richtigen Namen haben?“
Sein Gesicht blieb unbeeindruckt, fast so als wäre er das nicht das erste Mal gefragt worden. Wieder nickte er nur kurz, zog die Preisliste neben der Kasse hervor und tippte auf den Firmennamen. Darauf stand Der Tortenmacher T.K. und die Adresse. Mehr nicht.
Tessa las laut vor: „T Punkt K Punkt. Freut mich sehr Herr T Punkt K Punkt. Ich denke, Sie sind nett, wissen Sie. Nett, aber sehr ruhig.“ Sie kicherte verschmitzt.

„Nun komm jetzt. Die Torte ist schwer“, unterbrach Mama das folgende Schweigen und zeigte mit ihrem Kinn zur Tür.
Tessa drehte sich auf dem Absatz noch einmal herum, um den Blick des Tortenmachers zu erhaschen. Sie fixierte sein Gesicht und…Hatte er gerade etwa ein klein wenig seine Mundwinkel gehoben?

„Tschüss, bis zum nächsten Mal!“, verabschiedete sich ihre Mutter und zog sie beide aus dieser unheimlich komischen Situation heraus.

Nur noch wenige Tage, dann begannen endlich die Weihnachtsferien. Doch vorher musste sie noch ihre Kunstarbeit präsentieren. Mit Hilfe ihrer Eltern hatte Tessa es geschafft, die Eisbahn aus Watte, Plastikfigürchen und dem Pappmaschee mit Fingerspitzengefühl und viel Liebe im Detail fertig zu basteln. Sie liebte Schlittschuhfahren und die Eisbahn im Dorf war jedes Jahr ein Muss.

Das würde ihre Lehrerin überraschen und ihr hoffentlich eine gute Note einbringen. Mit Mühe hatte Tessa sie versucht einzupacken. Ihre Mutter hatte ihr zwar angeboten sie zu fahren, doch das hatte sie abgelehnt. Lieber wollte sie zu Fuß laufen, so weit war die Schule nicht entfernt.

Als sie an der Tortenstube vorbeilief, fiel ihr wieder der merkwürdige, in sich gekehrte Besitzer ein. In Gedanken versunken sah Tessa nicht, wohin sie lief und prallte plötzlich gegen eine Straßenlaterne. Das Kunstprojekt, das sie eben noch in beiden Händen gehalten hatte, fiel zu Boden.

Augenblicklich kamen ihr vor lauter Ärger darüber die Tränen. Ihre schöne Eisbahn! Alles war zerquetscht und durcheinander. Heute war doch Abgabetermin! Alle Arbeit war umsonst! Während sie sich den Kopf zerbrach, wie sie das in kürzester Zeit beheben sollte, spürte sie aus dem Nichts eine Hand an ihrer Schulter und erschrak zutiefst. Als sie sich herumdrehte, sah sie…niemanden.

Doch auf dem Bürgersteig lag eine weiße, rechteckige Box. Wie merkwürdig war das denn? Sie sah genauso aus wie die Box, in der sie Omas Torte abgeholt hatten. Da sie niemand anderen in ihrer Nähe sehen konnte, öffnete Tessa die Schachtel und konnte ihren Augen nicht trauen. Die Eisbahn-Torte! Aus der Ferne hörte sie die quietschende Ladentür zufallen. Er hatte sie ihr tatsächlich hingestellt und war ohne ein Wort zu sagen, wieder gegangen.

Tessa nahm die Box schnell an sich und musste dringend weiter, sonst kam sie noch zu spät zur Schule. Doch sie hatte schon eine Idee, wie sie sich bei ihm bedanken würde.

Heiligabend kam schneller als gedacht, ihr war nicht viel Zeit geblieben. Doch ihr Dorf war klein und Tessa war schlau. Jeden Nachmittag hatte sie dafür genutzt, ihre Familie, ihre Nachbarn und die Familien ihrer Freunde zu kontaktieren. Jedem von ihnen erzählte sie die Geschichte. Sogar ihre Lehrerin hatte sie von ihrer Idee überzeugen können. Schließlich war Frau Gehrig sofort klar gewesen, von wem die Eisbahn-Torte nur hätte stammen können. Dennoch bekam Tessa noch eine Chance und durfte ihr Kunstprojekt nachreichen. Eine 2 Minus hatte es ihr immerhin eingebracht, doch das war nur Nebensache. Heute galt es, jemand anderen glücklich zu machen.

Tessas Eltern hatte er zum Hochzeitstag eine Mandelsplitter-Torte mit zwei Turteltäubchen aus Zucker angefertigt. Herr Schmidt, der Papa von Felix, bekam zu seiner Beförderung eine Nougat-Buttercreme Torte, die aussah wie eine Polizei-Uniform. Frau Michalski von nebenan schwärmte noch heute von ihrer Erdbeer-Pannacotta-Torte, die die Form ihrer Schoßhündin Lotta hatte. Alle hatten etwa beigesteuert, das symbolisch für ihre eigenen großartigen Torten stand und als Dank dafür diente.

Eine Rose aus Omas Garten, kleine Turteltauben-Figuren, eine Polizei-Spielfigur, ein Foto des Pudels von Frau Michalski und viele weitere kleine Gegenstände und Symbole hatte Tessa eingesammelt. Das halbe Dorf half mit, einzelne gebackene Stücke Kuchen, Muffins oder Weihnachtsplätzchen mit einem Symbol zu drapieren. Viele wollten sie begleiten, da sie die Aktion herzzerreißend fanden.

Die Etagere war voll mit Erinnerungsstücken an all die hübschen Tortenstückchen, die den Tag jedes Einzelnen bis heute zu einem besonderen Tag gemacht hatten.

Sie stellten die Etagere vor die Tortenstube und warteten. Tessa wusste, dass der Tortenmacher selbst am Weihnachtstag in seinem Kämmerlein stand und seiner Leidenschaft nachging. Nach kurzem Zögern betrat sie den Laden, läutete die Glocke und stellte sich wieder raus zu den anderen.

Als der Tortenmacher die Menschenmenge draußen sah, war er zunächst verwundert. Das sah man ihm nun an. Dann schritt er hinaus und wirkte verblüfft.

„Frohe Weihnachten“, riefen sie alle wie aus einem Mund. Und Tessa fügte hinzu: „Frohe Weihnachten Herr T Punkt K Punkt und danke schön für die Eisbahn!“

Erst jetzt bemerkte der Tortenmacher die eigens angefertigte, besondere Torte, die das Dorf ihm geschenkt hatte. Er erkannte jedes einzelne Detail und inspizierte sie minutenlang, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann legte er seinen Kopf in den Nacken und… musste lachen.

„Danke an Alle“, rief er glucksend vor Freude. „Ihr seid ja verrückt!“
Ungläubig schüttelte er den Kopf und hatte die ersten Worte gesprochen, die die Dorfbewohner je von ihm gehört hatten. Alle standen erstaunt mit offenem Mund da und konnten es nicht glauben. Es grenzte an ein Weihnachtswunder.

„Frohe Weihnachten und danke DIR“, sagte der Tortenmacher zu Tessa und umarmte sie herzlich.

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