Kahl, klein und buckelig. Als kahl, klein und buckelig würde sich Bäumchen wohl selbst beschreiben. Abseits am Rande des Geländes hatte man ihn gepflanzt. Und durch den wilden Sturm, der sich vor kurzem durch das Land zog, gerade ihn, in Mitleidenschaft gezogen. Nun stand er da, kahl, da ihm die kleinen Blätter, die er mit Mühe zum Wachsen gebracht hatte, weggefegt wurden. Klein, da ihn die Sonne durch seinen ungünstigen Standort nie gänzlich erreichte und buckelig, da ihn dies nunmal auszeichnete und er so auf die Welt kam. Nun, was blieb Bäumchen nach all diesem Missgeschick übrig? Genug Zeit hatte er damit verbracht, sich auf sein Wachstum zu konzentrieren. Jetzt musste er von vorne anfangen, wenn überhaupt. Wie lange würde es wohl dauern, bis er wieder Blätter trug und an Größe gewann? So lange, dass ihn alle anderen Bäume um ihn herum eingeholt hatten. Diesen Wettbewerb verlor er, mit Sicherheit. So blies er Trübsal, Baumtag ein, Baumtag aus. Jeden Tag konnte er beobachten, wie die kleinen Kinder um seine Baumfamilie umhersprangen, sich Pärchen unter seinen Schwestern und Brüdern niederließen, um zu verweilen oder zu picknicken. Ja, selbst den Gesprächen, die die Menschen führten, konnte er nicht mehr lauschen, da sie zu weit weg von ihm standen und spazierten. Nur er bekam keine Aufmerksamkeit, war er doch nicht einladend schön und sattgrün wie die anderen.

Bis eines Tages etwas schwarzes, oder war es blau (?), auf ihm Platz nahm. „Hey, das kitzelt“, dachte er sich. Und kaum dass ihm der Gedanke kam, wurde das Kitzeln durch einen kleinen Luftwirbel abgelöst. Was war es, was ihm da zwischen seinen dünnen Ästen umherflog. „Du da, was bist du nur so eingefallen?“, ertönte es da in einem fröhlichen Singsang. „Bin ich froh, dass ich dich gefunden habe. Seit Stunden suche ich schon nach einem Rastplatz“, erklang es wieder in diesem zarten Singsang zwischen seinem Geäst. Jetzt sah er den schwarz-blau schimmernden Körper, aus dem die Stimme kam. Eigenartig, so etwas hatte er noch nie gesehen. „Wer bist du? Und wieso nennst du mich eingefallen?“, fragte Bäumchen das kleine Wesen. Ein Insekt musste es sein, das stand fest. Aber welches nur? Bislang hatte er kaum Besuch bekommen, was Bäumchen noch trauriger stimmte, jetzt als er darüber nachdachte. Bei genauerer Betrachtung erkannte er zwei bläulich leuchtende Flügelchen. Sie schimmerten, ungefähr so, wie es kleine Tautröpfchen tun, die er manchmal unten am Boden betrachtete. Mehr blieb ihm oft in dieser Einsamkeit nicht übrig. „Ich bin harmlos, keine Sorge. Wenn Menschen mich sehen, sind sie entweder sehr überrascht fasziniert von mir oder einfach nur erschrocken und fuchteln wild umher. Das ist wirklich anstrengend, da ich doch so viel zu tun habe. Mit solch besonderen Flügelchen, die ich habe, ist’s doch mal schön, kurze Pausen einzulegen.“, plapperte das Insekt darauf los. Bäumchen war es gar nicht gewohnt, dass jemand so viel mit ihm redete. „Bei dir erschien es mir auf Anhieb wohlig und einladend.“, sprach es weiter zu Bäumchen. „Hoffe, das stört dich nicht, ich bleibe nicht lang. Aber um es mir etwas gemütlicher zu machen, sag, könntest du bitte mal deine Äste recken und strecken? Dieses Eingefallene steht dir im Übrigen überhaupt nicht! Meine Freunde würden sich freuen, dich kennenzulernen. Bist du doch für unsere Art genau der richtige Urlaubsort.“ „Wie bitte?“, fragte das Bäumchen stutzig. „Für eure Art? Urlaubsort? Gemütlich, ich?  Wie könnt ich denn gemütlich oder gar von Nutzen für jemanden sein? Bin doch nur ein mickriger Baum, unter den sich niemand setzen möchte. Selbst Spaziergänger meiden mich und nehmen mich gar nicht wahr. Aus mir wird bestimmt kein schöner, beliebter, großer Baum mehr, zu dem alle aufschauen. Wieso sollte man bei mir Urlaub machen wollen? Du meinst ganz bestimmt nicht mich.“ Und bei diesen Worten erkannte das schimmernde  Flügelinsekt, dass Bäumchen wohl keine Ahnung hatte, mit wem er sprach und so erklärte es: „Unsere Art ist die Familie der Holzbienen. An morschen, trockenen Ästen fühlen wir uns am wohlsten. Da die Menschen uns meist vertreiben, sind wir froh um ein bisschen Ruhe und Rückzug an einem gemütlichen Ort wie bei dir. Sag, wieso bist du denn nur so traurig? Hast du doch solch schöne Äste und bist etwas ganz Besonderes hier, vor allem für uns.“ Da überlegte Bäumchen kurz und wurde aus dem Gesagten nicht ganz schlau. Die Holzbiene wollte ihn aufmuntern, doch so ganz gelang es ihr nicht. Bäumchen konnte nur ein winziges Lächeln hervorbringen und da ihn das so viel Kraft kostete, knickte kurz danach sein dicker Ast noch weiter nach unten. „Ach je, Holzbiene.“, sagte er. „Du kannst dich glücklich schätzen, hast du doch zwei wunderschön schimmernde blaue Flügelchen, die jeder sicherlich bewundert. Und was hab ich denn schon hübsches an mir? Einen großen Buckel trag ich mit mir rum. Da fällt mir selbst das Lachen schwer.“ Die Holzbiene wusste nicht mehr, wie sie Bäumchen weiter aufmuntern konnte. Sie wollte ihre Freunde mal um Rat bitten und musste weiter und so fragte sie: „Bäumchen, sag, hast du denn wenigstens einen Namen? So werde ich von dir erzählen, von deiner schönen Pracht. Denn ich sehe dich anders, das wirst hoffentlich auch du bald erkennen.“ Bäumchen überlegte kurz, ihm fiel nicht ein, dass ihm jemals jemand einen Namen gegeben hatte. Er wusste, dass das da hinten mit der hübschen Baumkrone Torsten war. Er wurde nach dem Kind benannt, für das der Baum gepflanzt worden war. Und die hübsche Kirsch-Hella dort vorne, die ihm von Anfang an schon gut gefiel, hatte ihren Namen von ihren hellen Kirschblüten bekommen. Doch er war ein …, tja was war er denn eigentlich? Er trug keine Früchte an sich und hübsch war er auch nicht anzusehen und drum sagte er: „Nein, Holzbiene. Einen Namen habe ich wohl nicht. Mich hat nie jemand benannt und Früchte trage ich keine.“ „Dann taufe ich dich ab heute Bäumchen Buckel“, erwiderte die Biene. „Und das meine ich von Herzen gut, da ich deinen kleinen Buckel als etwas besonderes sehe und dich sofort wiedererkennen werde beim nächsten Mal. Versuche es positiv zu sehen, Bäumchen. Du bist ganz besonders.“, sang ihm die Holzbiene noch in sein Baumohr, summte danach an ihm vorbei und hinterließ Bäumchen Buckel nachdenklich zurück.

Zwei Nieselregen später hörte er es klopfen. „Na, wer weckt mich da“, dachte sich Bäumchen Buckel. Solch ein Klopfen kannte er nur vom Specht, der ab und an im Nebenwald seinen Schnabel wetzte, doch nie zu ihm kam. Doch bei näherem Hinhören erkannte er, dass das Klopfen anders klang. Es kam nicht von rechts, nicht von links. Nanu, es kam von unten. Mit Mühe und eingeschlafenen Baumgelenken versuchte Bäumchen sich vornüber zu beugen, um dem Klopfen nachzugehen. Dabei sah er schlaff herunterhängende Ohren. Flauschig sah das Tier aus und wirkte sehr konzentriert. „Hallo, du da!“, rief das Bäumchen runter. „Wieso klopfst du denn, etwa um deinen Schnabel zu wetzen? Und warum ausgerechnet hier, bin ich doch nur ein trauriger, einsamer Baum, der kein besonderes Holz vorzuweisen hat.“ Doch das Tier blickte noch nicht einmal auf und drehte sich noch dazu auf die andere Seite. Wie unhöflich, dachte sich Bäumchen und war sich sicher, dass es daran liegen musste, dass man vor ihm keinen Respekt hatte, war er doch nur ein trist wirkender buckeliger Baum. Dann fasste er jedoch seine Trauer und den bisschen Mut zusammen, den er hatte. Da es immerhin sein Platz hier war und ihn die Worte der Holzbiene nachdenklich, aber auch etwas mutiger gemacht hatten, gab er dem Tierchen einen kleinen Stupser mit seinem Stamm. Plötzlich hörte er ein lautes Lachen mit Glucksern zwischendrin. „Oh Pardon, Herr Baum“, ertönte es quietschend. „Haben Sie etwas gesagt? Könnten Sie sich bitte wiederholen? Etwas lauter vielleicht? Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gestört habe! Erschien mir der Platz bei Ihnen doch so ruhig und abgeschieden, um mich kurz zu säubern.“ Na, das war aber merkwürdig, dachte sich Bäumchen Buckel. An Höflichkeit mangelte es dem Hasen, wie er nun erkannte, wohl nicht. Immerhin siezte er das Bäumchen. Gut erzogen war er wohl und so sagte er mit etwas erhobener Stimme zu ihm herunter: „Geweckt hast du mich, du süßes Kerlchen mit den schlappen Ohren. Und bitte sieze mich nicht, da ich noch nicht so alt bin. Auch wenn ich, so kahl wie ich bin, so aussehen mag. Erzähl, wo kommst du her und wie hast du mich denn gefunden?“ „Aus der Erde bin ich gehüpft und habe des Weges ein Plätzchen gesucht, um mich zu putzen.“, rief er hoch zu ihm und wackelte mit seinem Hinterpfötchen. „Mit meinen fast tauben Ohren bekomme ich manchmal gar nicht mit, was um mich rum geschieht. Wie gut, dass ich dich wohl geweckt habe, sonst kämen wir nicht ins Gespräch.“, zwinkerte er Bäumchen zu. „Das trifft sich wirklich gut“, schmunzelte Bäumchen. „Da sich ja selten jemand mit mir unterhält“, erwiderte er auf Hases Einwand. „Mit mir unterhält sich sonst auch kaum jemand“, kicherte der Hase, „da sie sich denken, mit einem halb-tauben Hasen ist es verlorene Mühe, eine Unterhaltung zu führen. Dabei versteh ich doch, wenn man lauter mit mir spricht. Ich mach mir nichts draus, das Leben ist schön. Du bist mir in meinem Hoppel-Gang von weitem schon aufgefallen. Wie heißt du denn?“ Und so antwortete der Baum mit etwas Stolz in der Stimme, da er doch nun endlich einen Namen hatte: „Bäumchen Buckel heiße ich und es freut mich, dich kennenzulernen, Hase. Darf ich dich so nennen?“ „Ja, das darfst du. Einen Namen habe ich nicht wirklich, hör ich ja meist sowieso nicht, wenn ich gerufen werde. Ich reagiere nur, wenn man mich laut anspricht oder anstupst. Gibt es doch wichtigeres als Namen auf dieser Welt, nicht? Freut mich ebenso, Bäumchen Buckel!“, sprach der Hase. Und so vertiefte sich Bäumchen Buckel mit Hase in ein Gesprächsthema nach dem anderen. Er fand es erstaunlich, dass Hase sich nichts daraus machte, dass er keinen Namen besaß. Es störte ihn nicht im Geringsten. Und auch sein Hörfehler hinderte ihn nicht daran, mit Bäumchen Buckel ein Schwätzchen zu halten. Er bewunderte dieses süße Kerlchen mit den Schlappohren. Aus seinem Blickwinkel erkannte Bäumchen Buckel wie er neidische Blicke seiner Baumfamilie erntete, hatte doch der Hase ihn und nicht die anderen für das nette Pläuschchen ausgesucht. Und da der halb-taube Hase von seinen lustigen Geschichten erzählte, die ihm durch seine Taubheit bereits widerfahren waren, lachte und bebte Bäumchen Buckel nur so vor Freude. Er konnte seit langem wieder lachen und merkte, wie gut es tat. Seine buckeligen Äste wackelten sogar so sehr, wie sie es noch nie getan hatten. Es war ein hübsches Bild, das dabei entstand. Was war das für ein schöner Tag, dachte sich Bäumchen. Kaum, dass die Sonne untergegangen war, verabschiedete sich der Hase mit den Worten: „In dir hab ich einen Freund gefunden, Bäumchen Buckel. Bewahre dir deinen Buckel und winke mir nächstes Mal zu. Dann zeige ich meinen Hasenbrüdern aus dem Bau, wo du stehst. Ich bin sicher, sie werden dich ebenfalls sehen wollen, wo du doch für ein Putz-Päuschen, genau das richtige Plätzchen für uns Hasen bist. Bis zum nächsten Mal!“, winkte ihm der Hase hoch und hüpfte wieder nach Hause zurück. Was für ein ereignisreicher und wunderschöner Tag, dachte sich Bäumchen Buckel und schlief wieder ein.

Als Bäumchen nach den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen erwachte, erinnerte er sich an Hase und seinen Besuch. Das konnte doch nur ein Traum gewesen sein, zweifelte er kurz. Hatte er doch Baummonate komme und gehe nie Besuch bekommen und nun war es schon der zweite Besuch hintereinander. Erst kam die Holzbiene vorbei und nun gelangte Hase zu ihm, weil Bäumchen so ein schönes Plätzchen für beide darstellte, wie sie ihm sagten. Schön war es gewesen und lustig zugleich. Ein Hase mit großen Ohren, der nicht hören kann. Wer hätte das gedacht, Sachen gibt’s. Vielleicht, dachte sich Bäumchen, gab es noch viele andere hübsche Wesen auf dieser Welt, die nicht so waren, wie andere ihrer Art und doch etwas ganz Besonderes. Der Hase machte nicht den Anschein, als störe ihn seine Taubheit. Auch die Holzbiene sorgte sich nicht zu sehr um das, was um sie herum geschah. Sie arbeitete einfach weiter. Es interessierte sie beide nicht zu sehr, was andere über sie dachten und daher machten sie sich nichts daraus. Die Holzbiene machte sogar einen überaus fröhlichen Eindruck auf ihn, obwohl sie oft von Menschen vertrieben wurde. Mit ihrem bemerkenswerten Aussehen wurde sie wohl oft missverstanden von den Menschen, da sie sie grundlos fürchteten und oft verjagten. Dennoch störte es die Holzbiene scheinbar nicht zu sehr, zumindest flog sie ja immerhin unbeirrt weiter und ließ sich davon nicht wirklich einschüchtern. Bäumchen lernte durch die beiden, viel mehr zu sich selbst und seinen Besonderheiten zu stehen. Wenn es eine Sache gab, die er gerne seiner Baumfamilie rüber rufen würde, überlegte Bäumchen, dann, dass er mit seinem Buckel bis zum Hasenbau zu sehen war und er stolz auf seinen Buckel war. Darum musste er sich zumindest keine Sorgen mehr machen. Die Holzbiene und der Hase hielten ihr Wort und berichteten ihm davon, wie sie ihren Artfamilien von Bäumchen Buckel und seinen buckelig besonderen Ästen erzählt hatten. Es vergnügte Bäumchen zu hören, dass er beliebter wurde. Er erfreute sich auch daran, dass er mit Holzbiene und Hase zwei neue Freunde gefunden hatte, die er bereits in sein Baumherz geschlossen hatte. Durch die beiden lernte Bäumchen Buckel weniger Trübsal zu blasen und die Dinge aus einem anderen Baumblickwinkel zu sehen. Wenn die beiden etwas anderes in ihm sahen, wieso sah er es dann selbst nicht? Hatte er sich doch nur mit seinen Baumbrüdern und -schwestern verglichen, die so viel Erfahrung mit Menschen machten, da sie stets Besuch von ihnen bekamen. Bäumchen hätte nicht nur an die Menschen denken dürfen, sondern auch an die Tierwelt. Gab es doch bei weitem mehr Arten, über deren Existenz er nicht mal nachgedacht hatte. Wie bei der Holzbiene beispielsweise. Der Sturm, der ihn ereilte und nur aus ihm einen kahlen, kleinen Baum machte, hatte ja sogar etwas Gutes gehabt. Immerhin war dies nun sein Erkennungszeichen, hatte ihm Hase versucht zu erklären. Jetzt sah Bäumchen es auch. Hase hatte Recht. Nur so, fand er ihn auf Anhieb und konnte seinen Hasengeschwistern von ihm erzählen. Dass man ihn am Wegesrand gepflanzt hatte, erfüllte nun seinen Sinn für die Holzbiene. Da sie zunehmend nach einem ruhigen Plätzchen Ausschau hielt, bot es sich bei ihm sehr gut an. Er erkannte nun einen kleinen Sinn darin. Zumindest fühlte Bäumchen sich nicht allein und gewann von Baumtag zu Baumtag immer mehr Vertrauen in sich und seinen Buckel.

Eines warmen Sommertages, nachdem Bäumchen wieder einmal Besuch von Hase und zwei seiner Hasenbrüder bekam und die drei sich nach einem netten Pläuschchen wieder von Bäumchen verabschiedeten, hielt Bäumchen danach ein kleines Nickerchen. Wieder wurde er von einem Kitzeln wach. Es fühlte sich an wie eine kleine Massage und doch kitzelte es ihn, so dass sich seine Rinde schüttelte. Er vernahm ein leises Flüstern, dann ein Gekicher. Nach Hase klang es nicht, war er ja erst vor kurzem bei ihm. Und die Holzbiene kicherte nicht, sie sang eher. Aus dem Halbschlaf geweckt, öffnete Bäumchen langsam seine Baumlider und nanu, konnte er seinen Augen trauen? Waren das doch tatsächlich menschliche Geschöpfe, die vor sich hin kicherten. Machten sie sich etwa doch über ihn lustig? Hatte sich Bäumchen etwa doch nur einreden lassen, wie besonders er war? Kichernde Menschen gab es doch meist nur, wenn sie sich über etwas lustig machten. Hatte er es zumindest so wahrgenommen in der Vergangenheit, wenn Spaziergänger mit dem Finger auf ihn zeigten und über seine Kahlheit sprachen. Kaum dass er etwas Selbstvertrauen gewonnen hatte, war Bäumchen kurz davor, wieder zurück zu seiner gewohnten Trübsal-Blaserei zurückzukehren und Zweifel aufzubauen. Doch dann fielen ihm die Worte seiner Freunde wieder ein, die ihm unabhängig voneinander gesagt hatten: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Als er an sich runterschielte, um seinen kleinen Stamm zu betrachten, da sah er es. Die Menschen waren nun einen kleinen Schritt zurückgetreten und betrachteten etwas. Na, was war denn da an seinem Stamm und wieso hatte es ihn gekitzelt. Da sah er seine hellbraune Rinde an seinem kleinen Stamm. Moment, hellbraun? Sie war doch gar nicht hellbraun, sondern ziemlich dunkel. Was stand denn da, solch ein Muster hatte Bäumchen noch nie gesehen. Zumindest soweit er beurteilen konnte, er hatte ja nur seine Baumfamilie zum Vergleich. Er konzentrierte sich auf das Gesprochene. Auch wenn er noch nie Besuch von Menschen bekommen hatte, so wurde Bäumchen ja mal eingepflanzt. Und bei Geburt hatten ihn auch Menschen gepflegt. Die menschliche Sprache war nicht gerade einfach, musste er zugeben. Und doch, hatte man sie einmal gelernt, vergaß man sie nicht. Nur konzentrieren musste er sich und genau hinhören. …sind wir schon zusammen“, hörte er sagen. „Und das hier ist eine weitere Erinnerung, mein Schatz.“, hörte er das männliche Geschöpf zum weiblichen neben ihm sagen. Mann und Frau, Mann und Frau. Moment ein Pärchen vielleicht, überlegte Bäumchen. Im nächsten Moment hörte er die beiden wieder kichern und nun die Frau sagen: „S und D, ein Leben lang. Schön hast du das eingeritzt, danke“, und danach küsste sie ihren Mann. Das war es gewesen, leuchtete es nun auch Bäumchen ein. Was ihn gekitzelt hatte, das war es gewesen. Sie hatten etwas in seinen kleinen Stamm geritzt, daher war er nun auch an diesen Stellen heller, da sie ihm die dunkle Rinde abgelöst hatten. Es hatte ihm aber nicht wehgetan, nur etwas gekitzelt. Da es sich fast wie eine Massage angefühlt hatte, könne man das ruhig häufiger machen, dachte sich Bäumchen und kicherte in sich hinein. Beim Kichern wackelten wieder seine nackten Äste durch die Gegend und vor allem sein Buckel war es, der in diesem Moment eine eigenartige Bewegung machte. Aus dem Kichern wurde ein Lachen, da er nach all dieser Zeit nun Menschenbesuch bekam und das nur, weil man seine Rinde als gut und geeignet empfand, um Zeichen einzuritzen. Sein Buckel machte in diesem Moment eine so eigenartige Bewegung dabei, dass es aussah wie ein kleines Lachen in der Luft. Zwei Mundwinkel, die an der Seite nach oben zeigten und ein ausgiebiger Astbogen, der sich so nach unten neigte, dass es aussah wie ein Lachen. Ein Lachen in der Luft. Ein Lachen von einem Baum, der doch so lange nichts zu lachen gehabt hatte. Lachen war schön, das fiel nun auch Bäumchen auf. Hatte er sich doch immer Menschenbesuch gewünscht und nun wurde er zwar nicht direkt bewundert von ihnen, dafür aber massiert und in ihrem Sinne gekennzeichnet. Mit Buchstaben. Das Buchstaben-Bäumchen-Buckel dachte sich Bäumchen. Na wenn er dafür gut war, dann hatte es sich doch wirklich gelohnt, dass sich der Sturm ihn ausgesucht hatte, um alle Blätter wegzuwehen und ihn kahl zu hinterlassen. So bekam nun seine Rinde auch mal eine andere Farbe. Die Schönheit lag im Auge des Betrachters, hatten seine Freund ihm beigebracht. Und aus dem Bäumchenblickwinkel von hier oben sah es irgendwie wirklich schön aus, das „S“ und das „D“. Wie ein kleines Kunstwerk, dachte er sich und lachte erneut. „Sieh nur“, hörte er den Menschen sagen: „Der Baum lacht. Der Ast da oben, das muss ich fotografieren. Und lass uns mal die Schuhe ausziehen Die wolltest du doch sowieso schon lange loswerden, meine sind auch nicht mehr die neuesten. Gib sie mal her.“ Und ein Baumwimpernschlag später spürte Bäumchen Buckel eine Umarmung an seinem Ast. Es war keine menschliche Umarmung, die hätte sein Ast aufgrund der Höhe nicht bekommen können, zumindest wäre das schwierig. Es war eher eine umschlungene Umarmung von… was war das? Das glaube ich jetzt nicht, na das ist aber sehr besonders, dachte sich Bäumchen und bekam sein Lachen gar nicht mehr in den Griff.

– Ende – 

Von Weitem, auf der anderen Seite des Geländes, stand er dort. Dort, in  seiner Hülle und Fülle von Schuhen in verschiedenen Formen und Farben beschmückt, die an der Seite an ihm herunterhingen. Ein Baum, wie es ihn nicht mal in den schönsten Bilderbüchern gab. Ein Baum, der anders war als die anderen und doch etwas ganz Besonderes. Ein Baum, der zum Motiv für viele schöne Fotos wurde; mit der untergehenden Sonne im Hintergrund; mit Personen im Vordergrund; mit Eingravierungen im Stamm, die beim näheren Hineinzoomen in Fotos sichtbar wurden. Ein Kunstwerk, wie er da so stand, abseits am Rande des Geländes. Ein Baum mit einem ganz besonderen Buckel, oder war es doch ein Lachen? Findet es heraus.

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