Es war Mittwoch und Nils wusste, dass er seinen Gaming-Nachmittag diesmal wieder etwas kürzer halten musste. Heute stand der Wocheneinkauf auf dem Plan und er würde seiner Ma wieder dabei helfen. War ja auch unfair, wenn sie alles alleine erledigen musste. Schließlich aß Nils immer mit und hatte frei. Also konnte er ihr auch helfen. Er liebte seine Ma, sie hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Sie half ihm genauso, wenn er mal Hilfe brauchte. Da war es nur logisch, dass er ihr unter die Arme griff.

Nils fand seine Eltern insgesamt ziemlich chillig. Sie erlaubten ihm, sich seine Gaming-Zeit selbst einzuteilen. Wichtig war es ihnen nur, dass alles andere nicht zu kurz kam und er sich auch mal draußen aufhielt. Das war für ihn gar kein Problem. Durchgehend am Joystick zu sitzen, wurde auf Dauer auch langweilig. Anders als bei seinen Schulfreunden durfte sich Nils seine Freizeit etwas flexibler gestalten. Vielleicht war das der Grund, weshalb es zwischen ihm und seinen Eltern so unkompliziert lief. Oder aber es lag daran, dass Menschen – egal ob Erwachsene oder Jugendliche – im Allgemeinen einfach unterschiedlich sind. Nicht jeder ist gleich und das ist gut so. Im Grunde genommen war es auch egal, woran es lag. Nils war zufrieden, seine Eltern auch. Für alle also ganz cool.

„Nils, bist du soweit? Ich gehe kurz ins Bad und in 5 Minuten würde ich gerne los. Habe eben noch ein paar Sachen in die Einkaufs-App eingetragen. Vielen Dank Schatz, dass du mir gezeigt hast, wie ich sie bedienen kann. Das ist super praktisch.“ Nils blickte kurz hinter sich, seine Ma stand im Zimmer und hielt ihr Handy hoch. Er hatte ihr geholfen, die App zu installieren, nachdem er einen Bericht darüber in der letzten Ausgabe der HighTech-Zeitschrift gelesen hatte. Er war zwar erst 12 und nur bedingt im Internet unterwegs, aber sein großes Interesse für Technik und Apps kam selbst seinen Eltern zu Gute.

Wieso auch nicht die Vorteile nutzen, dachte er sich. So vergaß Ma nicht immer die Schokolade, wie beim letzten Mal, sondern konnte es sich in ihrem Handy eintragen. Es war so viel einfacher als ihre Einkaufsliste, die sie dann doch mal verlegte. Sie half ihm bei seinen Hausaufgaben. Er half ihr beim Organisieren ihrer Einkäufe und beim Einkauf selbst. Das war doch mehr als fair.

„Jep, bin eh kurz vorm Sieg. Dann mach ich Schluss und bin dann soweit. Bekomm ich heute wieder die neue HighTech-Zeitschrift?“ Nils drehte seinen Kopf ein klein wenig in ihre Richtung und hielt den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet. Er musste sich die letzten drei Minuten noch auf sein Spiel konzentrieren.

„Na aber klaro. Und toi, toi, toi, du rockst das Ding!“ Ma wollte cool wirken, das wusste er. Aber vom „Rocket League“- Spiel hatte sie keine Ahnung. Er ließ sie in dem Glauben, dass er hier etwas „rocken“ würde.

Vor dem Supermarkt angekommen, mit ihrem Einkaufswagen vor sich schiebend, wurde Nils wieder an die aktuelle Corona-Pandemie erinnert. Die Aushänge an der Tür mit der Masken-Abbildung darauf und dem Hinweis, diese bitte aufzuziehen, waren der Auslöser. „Hier“, sagte seine Ma und reichte ihm die Star-Wars-Maske, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.

Die Schiebetür ging auf und beide traten ein. Da es nur einen einzigen Eingang im Lebensmittel-Kauf gab und der Supermarkt seinen Auflagen nachgekommen war, sah Nils vor sich einen großen, viel zu breiten Abstands“trenner“ stehen. Sie hatten ihn aus leeren Getränkekisten gebaut. Links war mit Klebeband auf dem Boden das Wort Eingang markiert worden und rechts, neben der Getränkekisten-Wand, direkt daneben das Wort Ausgang.

Okay, es leuchtete Nils ein, dass der Zweck darin in der Einhaltung des 1,5 Meter Abstandes lag. Sie hatten leere Getränkekisten, auf dem Kopf stehend, aufeinandergestapelt und dazwischen aufgestellt. Mit ihrem Einkaufswagen war es nur schwer möglich, vorbeizukommen, ohne an dem Abstands“trenner“ hängen zu bleiben. Eine ganz schöne Stolperfalle und noch dazu viel zu eng, um mit einem Einkaufswagen vorbeizufahren.

„Boa, wie nervig, Ma. Ich hätte das alleine gerade nicht geschafft.“ Der Trenner hätte ruhig etwas dünner sein können, dachte er sich im nächsten Moment. Als sie ungefähr auf der Höhe der Frischetheke waren, hörte Nils es hinter sich scheppern.
„Oh Gott, fahr den Wagen mal zur Seite. Der arme Kerl.“
Seine Mutter zeigte hinter sich und rannte zurück zum Eingang. Nils stellte den Wagen am Rand ab und lief seiner Mutter nach.

„Alles okay?“, hörte er sie sagen.
„Ja, schon. Nur ärgerlich, ich komme hier gar nicht vorbei.“ Nils sah den Teenager vor sich, er errötete. Scheinbar war es ihm peinlich, Aufsehen erregt zu haben.
„Oh Mann, Kumpel. Wie doof. Ich hab mir vorhin schon gedacht, dass das echt uncool ist. Wie soll man da denn vorbeikommen?“ Nils klopfte dem Typen auf die Schulter.
„Kennt ihr euch?“ Seine Ma legte einen verdutzten Blick auf. Ihre Gesichtszüge hatten sich etwas entspannt. Sie geriet oft leicht in Panik, wenn etwas schepperte oder herunterfiel. Zum Glück war nichts weiter passiert. Eine Mitarbeiterin, die das Geschehen mitbekommen hatte, kam bereits auf sie zugelaufen.
„Ja, wir kennen uns. Henry ist zwei Klassen über mir. Auf dem Pausenhof hatten wir uns mal unterhalten. Er spielt auch Rocket League, da hatten wir es mal von.“ Nils knuffte Henry in die Seite. Henry trug auch eine Star Wars-Maske. An ihm hatte Nils sie gesehen und sie sich abends von seinem Pa gewünscht. Wenn man schon eine tragen musste, dann doch eine, die zu einem passte.

Die Mitarbeiterin stand nun – etwas außer Atem – vor ihnen. Nils nahm allen Mut zusammen.
„Sie sollten sich dringend eine andere Lösung einfallen lassen. Rollstuhlfahrer kommen hier nicht ohne Probleme durch. Der Platz reicht ja gerade mal für einen Einkaufswagen. Nicht wirklich barrierefrei. Rollstuhlfahrer sollten hier auch reinkommen können. Es muss doch nicht unbedingt erst etwas passieren, damit sich das ändert, oder?“
„Etwas provokant, Nils.“ Seine Mutter sah zunächst ihn an und pflichtete dann mit Blick zur Mitarbeiterin bei: „Mein Sohn hat aber absolut Recht. Vielleicht finden Sie ja etwas schmalere Getränkekisten oder einfach eine andere Abtrennung? Fürs nächste Mal und Menschen mit Handicap zuliebe.“

Die Mitarbeiterin nickte kurz, entschuldigte sich und schob die Getränkekisten komplett zur Seite. „Wahrscheinlich brauchen wir sie gar nicht. Ein- und Ausgang sind ja am Boden gekennzeichnet. Wenn sich jeder an den Abstand hält, benötigt man die Trennung in der Mitte gar nicht. Zum Glück ist nichts passiert. Ich gebe die Info den anderen direkt weiter. Tschuldigung nochmal und danke für den Hinweis.“ Sie wirkte sichtlich bedrückt, das sah man ihr – trotz Maske im Gesicht – an.
„Das wäre wirklich klasse und hilfreich. Es war ja bestimmt nicht ihre eigene Idee, hier Getränkekisten aufzustellen.“ Henry zuckte mit den Schultern und fuhr ein Stück nach vorne.

Nils Mutter, die wie Nils weiterhin – wie angeordnet und korrekt – ihren Abstand einhielt, zeigte auf die Star-Wars-Maske von Henry und lächelte. Ihren Mund konnte man zwar nicht erkennen, man sah es aber an ihren Augen.
„Das erklärt einiges, scheinbar seid ihr auch Star-Wars-Fans, ihr Zwei. Komm rein, Henry. Freut mich, dich kennenzulernen. Und falls du Hilfe brauchst, ruf uns einfach. Wir sind auch eben erst rein.“
„Bis dann, Kumpel.“ Nils tippte mit seiner Schuhspitze an Henrys Schuh. So hatten sie das bisher immer gemacht. Es war sogar Henrys Vorschlag gewesen. Henry zwinkerte Nils zu. „Viel Spaß beim Einkaufen, Nils. Wie lief es denn in Rocket League bei dir heute?“
„Na, ich hab natürlich nur gewonnen.“ Nils lachte und sagte zu seiner Mutter gerichtet: „Komm, Ma. Meine Schokolade und meine Zeitschrift warten schon. Öffne mal deine tolle neue App, da hab ich es hinzugefügt.“

Sie gingen ein Stück und begannen, jeweils getrennt voneinander, ihren Einkauf. An ihrem Einkaufswagen angekommen, knuffte seine Mutter Nils in die Seite und sagte im Flüsterton: „Sehr aufmerksam von dir. Ich bin stolz auf dich. Wollen wir Henry mal zum Essen einladen, wenn du dich so gut mit ihm verstehst?“

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