Hast du eine Kommode im Kopf? Oder ist es eher ein großer Schrank, der gar keine Schubladen benötigt? Die ein oder andere Schublade hat man ja doch, ob man möchte oder nicht. Oftmals läuft es unbewusst, das Einsortieren.

Es gibt unterschiedliche Begrifflichkeiten, wie Vorurteile und Stereotypen, deren Eigenschaften sich ähneln. Auch wenn wir wissen, dass diese meist nicht positiv gemeint sind (es sei denn, man betont sie als vollkommen positiv), fand und findet das „Einsortieren in Schubladen“ in jedem von uns meist doch und noch dazu unbewusst statt.

Menschen tun dies häufig, da es ihnen einfacher erscheint, als sich mit dem Gegenüber, einer Situation oder einem Sachverhalt näher auseinanderzusetzen. Es heißt, es „vereinfache und entlaste in der heutigen reizüberfluteten, informativen Welt.“ 1 Pause. Kurz über dieses Zitat nachdenken bitte. Jetzt weiterlesen.

Einige Menschen, die ich in meinem Leben traf, musste ich in ihren Erwartungen und Vorstellungen in ihrem Stereotypen-Denken täuschen. Mit ausländischem Namen, Migrationshintergrund und einem dunklen Teint konnte ich doch keinesfalls akzentfrei deutsch sprechen, einen Akademikergrad erwerben oder gar in einem Deutsch-Vorlesewettbewerb gewinnen, wie das? Das passte doch nicht in ihre bereitgelegte „Schublade“.

Leider habe ich so einige Anekdoten zu diesem Thema. Im folgenden Text soll es aber gar nicht darum gehen, was ich bereits einstecken und wie oft ich mich rechtfertigen musste. Vielmehr geht es darum, dass ich all jene enttäuscht hatte und seitdem immer wieder gerne darauf aufmerksam mache, wie nervig Vorurteile und fest verschlossene Schubladen im Allgemeinen sind.

Es war für mich erstaunlich zu sehen, wie sich manche abwandten, wenn man ihre Schublade versuchte, aufzuwühlen und durcheinander zu bringen. Andere wiederum hörten interessiert zu, dachten um und sortierten neu.

Wurdet ihr schon mal gefragt, ob ihr in eine Schublade gesteckt werden möchtet? Ich, für meinen Teil, finde es generell nicht so toll, unveränderlich „einsortiert“ zu werden. Gefragt wird man in der Regel nicht. Schade.

Es gibt schließlich nicht nur schwarz und weiß, sondern noch so viele Grautöne dazwischen. Ich erfülle weder das Klischee „typisch Ausländerin“, noch das Klischee „typisch Studentin“ (was im Übrigen wirklich oft als Beschimpfung benutzt wurde – was sagt denn bitte ein Bildungsgrad, egal welcher Art, über den Menschen selbst aus, frage ich mich bis heute?), noch erfülle ich das Klischee „typisch dies“ oder „typisch das“. Ständig schien ich einige Menschen zu enttäuschen, da ich nicht ihren Schubladen entsprach.

Und trotzdem ist es wahrscheinlich auch mir schon passiert, dass ich Menschen in eine Schublade gesteckt habe und sie darin verblieben. Keiner von uns ist schließlich perfekt. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass man etwas weniger „in Schubladen denkt“, wenn man dem selbst alltäglich ausgesetzt wird. Rechtfertigen müssen ist mega anstrengend sag ich euch! Darin habe ich Erfahrung.

Oft hörte ich, dass die typische „Überpünktlichkeit“, „die festen Essenszeiten“, z.B. mein kontinuierlicher Mittagstisch um Punkt 12 Uhr oder die „gute Organisation“ sowas von „typisch deutsch“ an mir ist. Das amüsiert mich jedes Mal, denn wenn die Leute es so bezeichnen wollen, dann sehe ich diese Eigenschaften als durchaus positiv an, auch wenn es wahrscheinlich aus dem Mund derer nicht unbedingt so gemeint war. Liegt im Auge des Betrachters, mein Auge sieht diese Eigenschaften nun mal positiv.

„Typisch Frau“ ist meist mit „nicht einparken können“, „unnötig rumzicken“ oder „kompliziert sein“ verbunden. „Typisch Mann“ mit „hört nie zu“, „denkt immer nur pragmatisch“, „ist völlig unromantisch“. Auch da muss ich den Kopf schütteln und warum? Da ich einige Männer kenne, die katastrophal einparken und meist mehr Drama King als Drama Queen sind. Deswegen öffne ich noch lange keine Schublade à la: „Alle Männer = Drama Kings“, auch wenn das echt amüsant klingen mag. Genauso kenne ich viele Frauen, die nicht nur exzellent Auto fahren, sondern auch noch schneller und besser einparken können, als der ein oder andere Mann. Es sind ja auch nicht ALLE gleich! Diese unnötigen, viel zu allgemeinen Schubladen…

Das nervt, oder? Dieses ständige Rechtfertigen und die Verallgemeinerung. Ich bin mittlerweile wirklich der Überzeugung, man legt selbst Schubladen-Denken ab, wenn man nicht ständig in sie hineingezwängt werden möchte. „Ich gehör da nicht raaaaaahheeeeeeiiiiiiin!“, schreie ich dann innerlich in meinem eigenen Gedanken-Haus.

Ich erspare euch an dieser Stelle weitere Vorurteile. Ich denke jeder von uns hat ein Beispiel im Sinn oder wurde genauso wie ich auch schon oft damit konfrontiert. Was soll denn das? Kann das nicht aufhören und können sich diese Leute nicht mal mehr miteinander beschäftigen statt übereinander, anstatt immer nur nachzuplappern oder Annahmen plump zu übernehmen? Und es sich einfach machen, kann jeder. Aber mit ein wenig Interesse, Bemühung und Toleranz könnten einige, unnötige, negative Vorurteile, die diese Welt nicht braucht, vielleicht mal komplett abgeschafft werden und das Miteinander etwas verbessern. Nicht nur Schublade auf und wieder zu, sondern Alt-Schubladen neu überdenken und negative erst gar nicht entstehen lassen. Negative Gedanken hat die Welt leider ohnehin schon genug.

Daher ein Tipp für die Zukunft (Memo an mich selbst und an alle da draußen):

Vielleicht fangt ihr mal an, euren Kleiderschrank, euren Haushaltsschrank oder eure Kommode im Kopf auszusortieren. Einfach mal alles rauszuschütten, vor euch auszubreiten und dann peu à peu wieder einzusortieren. Eventuell ohne die Schubladen gleich zu „beschriften“, sie eventuell gar nicht benennen zu müssen, da ihr in eurem eigenen System Herr seid und schon wisst, wie ihr die eine oder andere Sache wiederfindet. Vor allem: Am besten keine Schlösser an die Schubladen hängen! Spätestens wenn ihr dann selbst in eine Schublade gesteckt werdet, aus der ihr schleunigst wieder raus wollt, nehmt ihr euch beim nächsten „selbst in eine Schublade einsortieren wollen“ ein wenig zurück. Viel Spaß beim Umsortieren!

PS: Falls ihr auch mal in eine Schublade gesteckt wurdet, gleich wieder rausklettern wolltet und diese Erfahrung teilen wollt, hinterlasst mir gerne einen Kommentar! 😉

1 Dieses Zitat basiert auf dem Artikel Vorurteil aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung).

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