Ich möchte abnehmen. Abnehmen möchte ich. Schon lange. Irgendwie klappt das nicht so, wie ich möchte. Aber ich möchte es. Ich bleibe dran. Keine Kilos möchte ich abnehmen, sondern Sekunden. Besser noch Minuten, die am Ende zusammengezählt Stunden ergeben. Ja, vielleicht sogar Tage. Wisst ihr wie lange Tage sein können? Tage abzunehmen, das wäre toll. Ich stelle mir vor, dass ich mal ganz viele Enkelkinder habe. Und wenn ich dann alt und zufrieden bin, bettlägerig geworden, aber immer noch wortgewandt, wissbegierig und fit im Kopf, dann werde ich ihnen am Sterbebett erzählen, auf welche Zeit ich stolz bin. Stolz auf die Zeit, die ich abgenommen habe und für andere Dinge verwenden konnte. Damit meine ich den Gewinn, den man macht, wenn man plötzlich Dinge machen kann, die man zuvor nicht machen konnte. Die man sich doch aber schon so lange wünscht und vornimmt.

Ich erzähle euch deshalb davon, da es mich mehr als traurig gemacht hat: In einem Eltern-Kind-Kurs, als ich Mütter sagen hörte, dass sie glauben, keine Hobbys mehr zu haben und sich gar nicht mehr daran erinnern können, welchen Hobbys sie vor den Kindern nachgegangen sind. Die traurigen Blicke, als ihnen bewusst wurde, dass sie überhaupt keine Zeit mehr für ihre eigenen Freizeitmöglichkeiten haben und sie gar nicht mehr „Mensch“ sind, sondern nur noch Mutter. Es ist doch so wichtig, sich Zeit zu nehmen! Es reichen manchmal auch nur 10 Minuten, am besten täglich. 10 Minuten Zeit abnehmen für Dinge, die ich für MICH tun möchte.

Switchen wir in die Arbeitswelt. Es gibt sie immer noch – häufig und bewusst gestellt -, die für viele Menschen dort draußen als „unsinnig“ bezeichnete Hobby-Frage in Vorstellungsgesprächen. „Welche Hobbys haben Sie?“. „So was Blödes“, denken sich einige. Und: „Was sagt das denn schon über meine Job-Fähigkeiten aus?“, fragen sie sich vielleicht. Ganz schön viel, sage ich euch. Ihr glaubt gar nicht, wie viel Hobbys über einen Charakter aussagen können. Und wenn es dann doch aus Bewerbern herausgesprudelt kommt und ihnen ein Lächeln nach dem anderen über das Gesicht huscht, während sie erzählen, welch tolle Sachen sie in ihrer Freizeit machen, dann macht es einen glücklich. Glücklich, da man weiß, huch der hat eventuell auch irgendwann mal Zeit abgenommen!

So jetzt kommen wir zu der Zeitdiät, wie ich sie nenne. Zeitdiät, das ist, wenn dir klar wird, dass du am Sterbebett auf die Frage: „Was war in deinem Leben lebenswert?“, bestimmt nicht antworten wirst: „Die Bildschirmzeit auf meinem IPhone, die mir täglich angezeigt wurde.“ Oder: „Die Zeit, die ich jeden Morgen damit verbracht habe, mich vor den Kleiderschrank zu stellen und mir den Kopf zu zerbrechen, welche Klamotten ich heute anziehe.“ Oder: „Die Zeit, die ich beim Arzt im Wartezimmer saß und nichts getan habe, als darüber zu grübeln, wieso ich gerade nicht zur Zeitschrift vor mit greife, da doch darauf ganz viele Viren lauern könnten.“ Es ist kein Problem, wenn Menschen Angst davor haben. Aber man hätte sich ja auch selbst eine Zeitschrift mitnehmen können, nicht? Oder: „Die Zeit, die ich auf den Fernseher starre, da ich mich berieseln lassen will und mich gerade nicht aufraffen kann, etwas anderes zu tun, obwohl ich es gerne würde.“ Man darf sich selbstverständlich berieseln lassen und das ist auch wichtig, nur bereuen sollte man es im Nachhinein nicht, da man die Zeit eventuell lieber für andere Dinge genutzt hätte. 😉

Oder: „Die Zeit, die ich schlafe.“ Das klingt vielleicht im ersten Moment suspekt, da man gesunden Schlaf braucht. Das ist korrekt. Aber wisst ihr, was gesund ist? Bestimmt nicht 9 Stunden, zumindest nicht für Jeden auf dieser schönen Welt. 8 müssen es auch nicht unbedingt für Alle sein. Seitdem mich ein Baby Tag und Nacht braucht, alle 2 Stunden nachts weckt und tagsüber ebenso durchgehend beschäftigt werden möchte, stelle ich fest: Hoppla, man kommt auch mit viel weniger Schlaf super gut zurecht! Sehr gut sogar. Ich drehe nicht durch und Mister Wahnsinn klopft auch noch nicht an die Tür. Es geht mir gut. Noch die richtige Portion Nahrungsmittel dazu, frische Luft und Sport am Tag, tadaaaa ich fühle mich fitter wie selten zuvor. Es GEHT. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Das behaupte ich jetzt einfach mal. Sollte man sich nicht mehr gut fühlen, ist das natürlich ein anderer Alarm, auf den man unbedingt hören sollte! Aber für mich persönlich war das der absolute Durchbruch! 10 Minuten weniger Schlaf, 20 Minuten weniger Schlaf, Disziplin und Gewohnheit. Man schafft es, sogar prima! Ohne gesundheitliche Schäden – das ist die Hauptsache!

Habt ihr schon mal mitbekommen, wie lange Spitzenpolitiker schlafen? Politiker, die tagtäglich schwierigere Entscheidungen als du und ich treffen und sich mental fit halten müssen. Die haben jedenfalls sehr viel Zeit abgenommen, denke ich mir dann immer. Um ihrer Passion, ihrem Job, nachzugehen, nehmen sie sie einfach ab. Ohne Probleme.

Wisst ihr jetzt, was ich meine mit: Zeit abnehmen? Ich hoffe, ich konnte euch meine Begrifflichkeit näherbringen. Wollen und werden wir unseren Enkeln wirklich davon erzählen, wie stolz wir waren, einige Teile unserer kostbaren Zeit vergeudet zu haben und etwas davon vielleicht doch hätten an anderer Stelle investieren können? Manchmal geht es mir auch mit dem Aufräumen so. Klar, manches Mal muss das gemacht werden, um mit sich und der Welt wieder im Reinen zu sein. Weil sich Besuch ankündigt und wir nicht wie eine kleine Drecksau dastehen wollen. Weil wir unseren Kindern später ein gutes Beispiel sein wollen. Aber werden wir wirklich im Sterbebett erzählen: „Hach, was war das schön damals, als ich gebügelt und den Boden gewischt habe?“ Nein, sicherlich nicht. Diese Zeit ist pfutsch. Jetzt gerade ist der 21.08.2020 exakt 2:05 Uhr in der Nacht. So, jetzt ist schon 2:06 Uhr. 2:05 Uhr am 21.08.2020 kommt nie wieder! Nie wieder, vorbei, für immer. Schade. Aber wenigstens habe ich sie gut genutzt. Ich habe geschrieben. Weil es mir Spaß macht. Schreiben ist mein Hobby. Keine vergeudete Zeit, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand 9gag-Videos anschauen oder TV-Zeit als kostbar für sich genutzte Zeit einstuft, dann echt schön, wirklich! Ich freue mich immer sehr, wenn jemand Spaß an der Sache hat und die Zeit als nicht vergeudet ansieht. Hobbys sind schließlich unterschiedlich, genauso wie Menschen. Und das ist gut so, wie es ist. Ich werde meinem Enkelkind auch von den Cartoon-Zeiten mit Cornflakes im Mund, als Kind um 6 Uhr morgens auf der Couch, während der Rest noch schlief, erzählen. Wenn ein Influencer seine Instagram-Zeit als Hobby-Zeit bezeichnet, dann macht mich das auch glücklich. Es ist auch ein full-time-job! Chapeau!

Ich bin aber kein Influencer und manchmal, nur manchmal, da hasse ich mein Handy. Ich möchte Handy-Zeit abnehmen, jetzt sofort! Genauso wie ich schon mal „Kleiderschrank-was-ziehe-ich-heute-nur-an“-Zeit abgenommen habe. Erfolgreich, mit meiner selbst angepassten 30 Teile-Challenge. Damals hatte ich alles, komplett alles außer Unterwäsche und Socken, aber inklusive Schuhen und Jacken auf maximal 30 Teile reduziert. Was glaubt ihr wie glücklich ich danach war? Es machte mich sogar sehr glücklich, nicht mehr grübeln zu müssen, hatte man doch sowieso nicht viel zum Anziehen. Dafür konnte ich jetzt kombinieren, wie ich wollte und das machte Spaß! Ich MUSSTE nichts mehr einkaufen, keine unnötigen neuen Klamotten mehr. Ich sparte Geld, für Urlaub, für andere Hobbys. Ich war glücklich. Und jetzt? Quillt mein Kleiderschrank wieder über, ich könnt kotzen. Morgen sortiere ich aus, ich will wieder glücklich sein.

So oder so ähnlich geht es euch vielleicht auch. Probierts mal aus, es wirkt Wunder. Wenn man tolle Zeitschriften/Geschichten oder Artikel (wie vielleicht diesen hier gerade? 😉) liest, dann ist das ebenfalls Zeit für einen selbst, die man sich nimmt, um sich auf eine andere Gedankenebene tragen zu lassen/inspirieren zu lassen oder auch einfach mal abzuschalten. Das ist toll, ja sogar wichtig, behaupte ich! Lesen ist ein Hobby! Und: Fernseh-Zeit ist noch aus einem anderen Grund definitiv nicht vergeudet: Wenn man sie mit seinem Partner oder Freunden verbringt und lustige Erinnerungen daraus entstehen, bleiben einem diese ganz bestimmt auch noch bis zum Sterbebett im Kopf.

Aber all die anderen Minuten/Stunden, jeder hat sie: Zeit, die eventuell doch besser genutzt worden wäre, weil es da einfach noch etwas gab, für das du sie dir lieber genommen hättest. Natürlich nur aus deiner Sicht. Subjektiv. Und: Du weißt es, tief in dir drin.….

Ich mache Diät, ab heute. Zeitdiät, ich möchte meinen Enkeln von all den Abenteuern erzählen, die – von jetzt ausgehend – noch vor mir liegen und den schönen Momenten und Hobbys, die noch kommen, die ich mir – rückblickend betrachtet – erarbeitet habe. Mit einer Zeitdiät. Einfach wird es sicherlich nicht, was ist auch schon einfach? Auch Essensdiäten sind nicht einfach, aber wenn man dann mal abgenommen hat, egal ob nun Kilos oder Zeit, fühlt man sich doch meist wie ein neu geborener Mensch. Und dieses Gefühl ist so schön! Ich starte jetzt. Und ihr?

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